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Barcelonas Wahrzeichen : Illegales Wunder

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Na endlich, geht doch: Nach 137 Jahren soll die Kathedrale im Herzen Barcelonas beendet werden. Das gefällt nicht allen. Bild: EPA

Seit 137 Jahren unvollendet, aber dafür nun mit Baugenehmigung: Die von Antoni Gaudí entworfene Kathedrale Sagrada Família wird endlich fertig gebaut. Das belebt die Debatte: illegal oder identitätsstiftend?

          Vor drei Jahren erfuhren die Bewohner der Stadt Barcelona, dass ihr größtes touristisches Wahrzeichen, die unvollendete, von Antoni Gaudí entworfene Kathedrale Sagrada Família, die seit 137 Jahren im Bau ist, gar keine gültige Baugenehmigung hat. Das ist ungefähr so, als wenn man im Jahr 2131 feststellen würde, dass der dann vermutlich immer noch kurz vor seiner Inbetriebnahme stehende Berliner Großflughafen gar nicht hätte gebaut werden dürfen, oder dass es Bayern wegen eines Formfehlers in Wirklichkeit gar nicht gibt.

          Die einst von einem gläubigen Buchhändler per Spendensammlung angestoßene Sagrada Familia ist zwar illegal, aber, anders als Berlin-Brandenburg-International, sehr beliebt, – ein irrwitziger Bau, in dem Gotik, Barock, Rotationshyperboloiden, Kleckermatsch, Historismus und ein außerirdischer Monumentaltermitenhaufen wie in einer Paella zusammengerührt und anschließend zur bizarrsten Basilika aller Zeiten aufgetürmt wurden und noch werden. Finanziert wird sie durch Spenden, gepfefferte Eintrittsgelder und konservative Organisationen; die katholische Kirche selbst ist, wie beim Dachstuhl von Notre-Dame, auffällig still, wenn es zur Frage einer Kostenbeteiligung kommt.

          Neuauflage eines alten, antiklerikalen Furors

          Immerhin erhob der Papst die Sagrada Familia zur „Basilica minor“, ein für Laien irreführender Ehrentitel für eine Kirche, deren Türme mit gut 173 Metern, wenn sie 2026, zum 100. Todestag Gaudís, fertiggestellt werden, sogar den Turm des Ulmer Münsters, den höchsten Kirchturm der Welt, überragen werden. Wenn.

          Bisher gab es keine Baugenehmigung, nur eine, die mit der Eingemeindung des Standorts in die Stadt Barcelona erloschen war. Gegen die deswegen ergangene Forderung, 41 Millionen Euro Strafe zu zahlen, gab es Protest von Gläubigen, die in dem Bauwerk eine Offenbarung sehen, und bei Offenbarungen und Wundern werde ja auch nicht erst mal eine Zulassung des diensthabenden Engels als Kurier oder Heilpraktiker eingereicht.

          Am Ende gab es jetzt doch noch eine Baugenehmigung: 374 Millionen Euro soll die Fertigstellung kosten, dafür kann man in Frankfurt nicht mal ein Theater sanieren, allerdings verlangt Barcelonas linke Regierung dazu noch 36 Millionen Euro, um „nachteilige Auswirkungen“ des Kirchenbaus auszugleichen. Dessen Fans sehen darin die Neuauflage eines alten, antiklerikalen Furors: Tatsächlich sind in Barcelona die Stimmen, die einen Sagrada-Baustopp oder Abriss fordern, nie verstummt; im Bürgerkrieg zerstörten Kirchengegner eine Fassade, nach dem Krieg kämpfte Walter Gropius gegen den Weiterbau, erst 2008 verlangten vierhundert Architekten und Aktivisten den Baustopp. Man darf darauf wetten, dass sie der Fertigstellung nicht tatenlos zusehen werden – oder, um es in Abwandlung einer Bemerkung des Philosophen Edmund Burke zu sagen: Die Kirche, die den einen zu Tränen rührt, ist in den Augen des anderen bloß ein illegales Ding, das im Weg steht.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

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