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Zum Tod von Ulrich Knefelkamp : Universal gelehrt

Ulrich Knefelkamp, geboren 26. Februar 1951 in Herford, gestorben 25. November 2020 in Bamberg. Bild: Heide Fest

Er war im besten Sinne des Wortes ein Universalgelehrter. Zum Tod des Mediävisten und Medizinhistorikers Ulrich Knefelkamp.

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          Das „Mittelalter“ musste den Umgang mit Seuchen und Pandemien immer wieder neu justieren. Man separierte Infizierte in besonderen Homeoffices - der Spenden wegen an den Ausfallstraßen der Städte - und erfand so neue Bautypen wie die Leprosenhäuser. Oft wurde ein sogenanntes Hagioskop-Fensterchen mit Blick auf den Altar in die Kirchenwände gebrochen, damit die Ansteckenden nicht vom Gottesdienst ausgeschlossen waren, und nach überstandener Seuche ging es auf die Pilgerfahrt. Der Mediävist und Medizinhistoriker Ulrich Knefelkamp kannte all diese Anpassungsleistungen an den Schrecken. Sein Artikel zu den Leprosorien im Historischen Lexikon Bayerns ist einer der lesenwertesten zum Thema. Seine Publikation zu den weltberühmten Antichrist-Fenstern in Frankfurt an der Oder, ebenfalls Reflex auf die Pest und andere historische Notstände, zählt sicher zu seinen populärsten Büchern, wenngleich auch seine Forschungen zum mittelalterlichen Jakobsweg nach Santiago de Compostela in der Forschung mit dem Erfolg von Hape Kerkeling auf breiterer Ebene mithalten können.

          Auf diese Publikation war Knefelkamp besonders stolz: Eines der von ihm beschriebenen Antichrist-Fenster der Marienkirche in Frankfurt/Oder mit der an Weihnachten angelehnten Geburt des Antichristen. Die als „Beutekunst“ in die damalige Sowjetunion gebrachten insgesamt 111 Bleiglasfenster von 1367 kamen 2002 zurück und wurden restauriert.
          Auf diese Publikation war Knefelkamp besonders stolz: Eines der von ihm beschriebenen Antichrist-Fenster der Marienkirche in Frankfurt/Oder mit der an Weihnachten angelehnten Geburt des Antichristen. Die als „Beutekunst“ in die damalige Sowjetunion gebrachten insgesamt 111 Bleiglasfenster von 1367 kamen 2002 zurück und wurden restauriert. : Bild: Picture-Alliance
          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Er war im besten Sinne des Wortes ein Universalgelehrter, dennoch immer bescheiden im Auftreten und stets freundlich seinen Studenten und Kollegen gegenüber. Jedes seiner vielen Studienfächer von der Geschichte und Kunstgeschichte über die Volks- und Völkerkunde bis zur Medizinhistorie füllte er vollständig aus. Mindestens eine Doppelbegabung, hatte Knefelkamp auch zweifach promoviert: 1980 in Geschichte mit der Arbeit „Das Gesundheitswesen im mittelalterlichen Freiburg im Breisgau“ und 1985 in Volkskunde und Völkerkunde mit der Dissertation für das dem Hochmittelalter so wichtige Thema „Die Suche nach dem Reich des Priesterkönigs Johannes“. Seine Habilitation handelt über die Entstehungsgeschichte der Hospitäler anhand des Heilig-Geist-Spitals in Nürnberg, wo auch die Reichskleinodien mit Kaiserkrone, Zepter und Reichsapfel verwahrt wurden. Sowohl von seiner Lehre in Bamberg wie auch von seinem Lehrstuhl als einer der ersten Professoren an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder ab 1994 gingen „grenzüberschreitende“ Impulse aus, nicht zuletzt durch seine mannigfaltigen Forschungen zum Sternenweg im nahen Ostmitteleuropa wie auch zum entfernten Brasilien.

          „Armut, Krankheit, Tod. Von den Anfängen einer Sozialpolitik im Mittelalter“ war seine weitreichende Antrittsvorlesung an der Viadrina übertitelt, doch auch Sport in allen Facetten gehörte für ihn integral zur Sozialgeschichte dazu: Stundenlang konnte er über Fußball fachsimpeln, unbändig etwa war seine Freude beim Halbfinale der Weltmeisterschaft in Brasilien über das 7:1.

          Eine schwere Erkrankung konnte ihn nicht daran hindern, nach wie vor Historikerkongresse zu besuchen und neugierig auf aktuelle Forschung zu bleiben. So unternahm er den Weg zum Symposion des Mediävistenverbandes „Wasser in der mittelalterlichen Kultur“ 2015 in Bern, auf dem alle denkbaren Einsatzmöglichkeiten des Wassers vom Heilen bis zum gegnerischen Schädigen durch Überfluten beleuchtet wurden. Mit einem Jakobsweg-Bonmot ließe sich sagen, Ulrich Knefelkamp, der vergangenen Mittwoch im Alter von 69 Jahren in Bamberg verstarb, „ist dann mal weg“ – seine Publikationen und die Erinnerung an seine Liebenswürdigkeit hingegen bleiben.

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