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Bam nach dem Beben : Die Toten oder niemand

Bam vor der Katastrophe Bild: dpa

Bam war eine reiche Stadt. Jetzt sind Dattelernte und -anbau gefährdet, die Drogen immer noch präsent, und auch ein paar Touristen wurden wieder in der Stadt gesehen. Eine Reise, vierzig Tage nach dem Beben.

          5 Min.

          Hinter den Trümmern liegt das Paradies. Ein karges Paradies, das auch dem Ungläubigen offensteht, in überirdischer Ruhe mit einem Ausblick ohne Horizont. Marco Polo nannte diese Landschaft die Wüste der Tataren, ein Name mit kriegerischem, auch romantischem Klang, als gallopierten hier Pferde und schwängen Männer mit Turbanen Krummschwerter. Von Katastrophen kündet er nicht, vor allem aber nicht von dieser sich ausbreitenden Leere über rotem Sand bis hin zu den Bergen, die in weißen, rosafarbenen und schwarzen Streifen in der Ferne sichtbar sind. Hier ist es so still, daß schon ein Flüstern erschreckt.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Es gibt sowieso nichts zu sagen. Nach zwei Stunden Fahrt durch die einstige Zauberstadt Bam, vorbei an einem Schutthaufen nach dem anderen, vorbei an ordentlichen Lagern und im Geröll verstreuten Zelten, zerquetschten Autos und immer wieder einzelnen Gestalten am Wegrand, hatte mein Fahrer gefragt: "Wollen Sie jetzt etwas anderes sehen?" und hatte seinen Jeep in Richtung der weit hinter den eingestürzten Straßenzügen hochragenden Dattelpalmen gelenkt. Mehrere Millionen wie diese, sagt er und übertreibt, hätten einst in der Oase von Bam gestanden, nach dem Beben seien nur einige tausend geblieben. Hinter den Palmen war der Fahrer dann von der Straße abgebogen auf keine Straße mehr und immer weitergefahren, bis beim Blick zurück nur die Palmen, nicht mehr die zerstörte Stadt zu sehen waren.

          Pure Schönheit ist immer ein Schock

          Es war kein weiter Weg, kaum eine Viertelstunde, bis wir auf einem steilen Hügel anhielten und ausstiegen. Pure Schönheit ist immer ein Schock, unerwartet. Der beständige Wind und die brennende Sonne haben dafür gesorgt, daß die einzige Spur menschlichen Zugriffs mit der Landschaft verweht ist. Ein Schweigeturm, Grabmal aus vorislamischer Zeit, wächst wie ein natürlicher Gipfel aus einem Hügel in der Nähe. Im Paradies wohnen die Toten oder niemand.

          Das Beben reißt Lücken in Bam

          Die weißen Streifen auf den Bergen, so hält sich ein altes Gerücht in Bam, seien das Ergebnis geheimer Atomversuche, die in den achtziger Jahren jenseits der Wüste Lu gezündet wurden. Geschichten wie diese, die niemand bestätigen, aber auch nicht widerlegen kann, sind selbst zwischen den Trümmern lebendig.

          Vor Ende der vierzigtägigen Trauerzeit

          Es gibt Menschen in Bam, die davon raunen, das Erdbeben am 26. Dezember sei eine Heimsuchung gewesen: Allah habe die Stadt bestraft für ihren Reichtum, den sie zum Teil dem Drogengeschäft verdankte. Andere empören sich in der Überzeugung, daß die Regierung in Teheran sie im Stich gelassen und aus Nachlässigkeit nicht gewarnt habe. Gab es nicht ein seismographisches Zentrum mit den entsprechenden Geräten in der Stadt, die lange einfach nicht mehr eingeschaltet worden waren? Warum wurde seit mehr als zehn Jahren kein Katastrophentraining mehr für die Bewohner des hochgefährdeten Gebiets abgehalten, warum erhielten sie keine Aufklärung über die entschieden größere Sicherheit in gemauerten Häusern? Wieder andere fragen immer noch: "Warum wir?" und wollen nicht glauben, daß Erdbeben keinen Grund brauchen und keine Schuld.

          Bam ist kurz vor Ende der vierzigtägigen Trauerzeit, die jede Aktivität weitgehend lähmt, immer noch ein Ort, an dem sich Neuigkeiten nur in der unmittelbaren Kommunikation verbreiten, weil niemand mehr ein Radio oder ein Fernsehgerät hat und Zeitungen nicht existieren. Es regieren die Gerüchte. Auf jede Frage gibt es mehrere Antworten, und ob die richtige darunter ist, läßt sich nicht entscheiden. In Teheran ist das, wenn von Bam die Rede, nicht anders.

          Wer zählt hier und warum falsch?

          Gab es fünfundvierzigtausend Tote, wie es in Bam heißt, oder einundvierzigtausend, wie sie die Regierung gezählt hat? Die gleiche Regierung, die sagt, die Hälfte der Bevölkerung von Bam sei dem Erdbeben zum Opfer gefallen, und dann vermerkt, weitere fünfundsiebzigtausend seien obdachlos geworden. Wer zählt hier und warum falsch?

          Sicher ist, daß immer noch gestorben wird. Zehn Menschen werden an jenem Morgen auf dem wuchernden Friedhof am Stadtrand begraben, zehn, die in den fernen Krankenhäusern von Teheran ihren Verletzungen schließlich erlagen. Mehrmals täglich werden hier noch späte Opfer beerdigt, und immer noch ist der Friedhof voller Trauernder der lebendigste Ort in der Stadt, über der eine große Stille liegt. Auch hier zirkulieren Erzählungen, deren Status nicht ganz klar ist, etwa daß die Regierung in der Hauptstadt von den Hinterbliebenen verlange, den Boden weit jenseits der einstigen Friedhofsgrenzen, in den sie ihre Angehörigen senken, erst zu kaufen, und zwar zu Preisen, die entsprechend der Dynamik von Angebot und Nachfrage inzwischen rasant gestiegen sind.

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