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Bald eine Fahrradstadt? : Berlin Kamikaze

Seit Mai werden Unterschriften für einen Volksentscheid gesammelt, der Berlin zur Fahrradstadt machen soll. Bild: dpa

Es wird gebrüllt, gespuckt, geschnitten, geschlagen und natürlich, als gemeinsame Basis der Verständigung, der Mittelfinger gezeigt: Wie Rad- und Autofahrer um die Zukunft der Stadt kämpfen

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          Pünktlich zum Start der Unterschriftensammlung für den Volksentscheid, der Berlin zur Fahrradstadt machen soll, schlug ein Opelfahrer den Piratenpolitiker und Fahrrad-Aktivisten Steffen Burger im Mai derart zusammen, dass sein Gesicht blutete, man sieht das auf den Fotos, die Burger postete. Nach eigener Darstellung war er mit seinem Fahrrad relativ weit links auf der Straße, um einen Sicherheitsabstand zu den parkenden Autos zu halten. Als ihn dann ein Opel knapp überholte, schrie Burger: „Ey!“ Der Opel scherte dicht vor ihm ein, Burger fuhr an ihm vorbei und rief: „Ein bisschen mehr Abstand wäre schön!“ Hier gehen die Angaben auseinander, denn der Autofahrer, der ebenso wie Burger mittlerweile Strafanzeige erstattet hat, behauptet, der Radfahrer habe ihn beleidigt und seinen Außenspiegel demoliert, was Burger bestreitet. Jedenfalls begann ein Verfolgungsrennen quer durch Neukölln, in dessen Verlauf der Opelfahrer den Radfahrer immer wieder hupend ausbremste, bis er ihn auf der Karl-Marx-Straße auf der Höhe der Neukölln-Arcaden stellte. Der Fahrer stieg aus und schlug Burger nach dessen Angaben mehrfach ins Gesicht, bis dieser stolperte und sich eine Menschenmenge um den zu Boden Gegangenen bildete. Die Passanten riefen Polizei und Krankenwagen.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Niemand, der auf den Straßen Berlins und anderer deutscher Städte unterwegs ist, wird diese Begebenheit für außergewöhnlich halten. Zwischen Autofahrern, Radfahrern und Fußgängern hat sich in den letzten Jahren eine Empfindlichkeit angestaut, die nur auf einen Anlass zu lauern scheint, in offene Beschimpfung und Gewaltanwendung auszubrechen. Es wird gebrüllt, gespuckt, geschnitten, geschlagen und natürlich, als gemeinsame Basis der Verständigung, der Mittelfinger gezeigt. Man wertet dies meist als Zeichen, dass die Zeiten härter werden, oder wenigstens das Klima. Tatsächlich wirkt die Aggressivität auf den Straßen wie eine Ausweitung der Internet-Kampfzone in die analoge Welt. Die Anonymität, die im Netz den Hass erleichtert, findet dabei ihre Entsprechung in der Rollenidentifikation als Radfahrer, Autofahrer oder Fußgänger, so als wäre die eigene Person mit einer dieser Fortbewegungsweisen verwachsen – was ja offensichtlich nicht zutrifft: Es gibt zwar Fußgänger, die nie Rad oder Auto fahren, aber die meisten Autofahrer sind auch Fußgänger und viele von ihnen sogar Radfahrer, und entsprechend groß sind die Schnittmengen bei allen Rollen. Die Projektion bestimmter, meist übler Charaktereigenschaften auf die, die gerade eine andere Rolle spielen, beruht also auf einer Fiktion – und vielleicht ist das bei den diversen Kampagnen und Shitstorms in den sozialen Netzwerken ja auch nicht so viel anders.

          „Kamikaze, so läuft das hier in Berlin“

          Doch es geht nicht nur um Verrohung. Die Furchtlosigkeit, mit der viele Radfahrer bei der Durchsetzung ihrer Vorfahrt das eigene Leben aufs Spiel setzen, etwa wenn sie auch an unübersichtlichen Kreuzungen mit desorientierten Rechtsabbiegern das Tempo halten, zeigt, dass sie sich als Kombattanten in einem Kampf fühlen, der über sie selbst hinausgeht. „Kamikaze, so läuft das hier in Berlin“, heißt es stolz. Die Zahl der Radler hat sich in Berlin im vergangenen Jahrzehnt mehr als verdoppelt. Das führt nicht nur dazu, dass der Platz knapper wird und die mögliche Reibungsfläche größer. Es bedeutet, dass die Maßstäbe dessen, was als Normalität gilt, ihre Selbstverständlichkeit verlieren, sich verschieben.

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