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Andreas Rossmann (aro.)

Sizilianische Liebesgeschichte : Barfuß über das ganze Dach

Süßwasserquelle Fonte Aretusa in Syrakus: Wer könnte sich in Sizilien nicht verlieben? Bild: Picture-Alliance

Der Bahnhof von Syrakus sieht aus wie viele Bahnhöfe. Aber im Jahre 1927 hat sich hier eine Romanze zugetragen, die in die Literaturgeschichte eingegangen ist.

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          Die Eisenbahn kam in Sizilien erst kurz vor dem Ende des Risorgimento an. 1866 wurde zwischen Messina und Taormina-Giardini der erste Streckenabschnitt in Betrieb genommen. Ihre Bedeutung für die Entwicklung des italienischen Nationalstaats ist kaum zu überschätzen, auch nicht die Rolle, die sie dabei spielte, das Land sprachlich zu vereinigen und die Lesekultur zu befördern. Der Bahnhof von Syrakus, der 1871 eröffnet wurde, sieht aus wie viele Bahnhöfe zwischen den Alpen und dem Golf von Tarent, zweistöckig, honiggelb, Fassade mit Mittelrisalit, weiß eingefasste Rundbogenfenster und ein Schutzdach über Bahnsteig eins, das auf gusseisernen Säulen steht – der Klassiker. Im Jahre 1927 hat sich hier eine Romanze zugetragen, die in die Literaturgeschichte eingegangen ist, so dass eine Tafel daran erinnert. Angebracht wurde sie von der staatlichen Eisenbahngesellschaft und der Stadt Syrakus am 15. Dezember 2007, und da sie zwischen zwei der drei Eingangstüren hängt, ist sie nicht zu übersehen.

          Doch so ohne weiteres verständlich ist sie nicht, was mitgeteilt wird, begnügt sich mit Andeutungen: „Gewidmet Sebastiano Vittorini, 1883 – 1972, dem Literaten und Eisenbahner, der Vorsteher dieses Bahnhofs war, auf dem der Schriftsteller Elio Rosa Quasimodo kennenlernte.“ Ein Schriftsteller, der nur mit dem Vornamen genannt wird, muss stadtbekannt sein, einen ausgezeichneteren hat Syrakus im zwanzigsten Jahrhundert auch nicht hervorgebracht: Elio Vittorini (1908 – 1966) war der Sohn des Bahnhofvorstehers, Autor des Romans „Gespräch in Sizilien“, Übersetzer aus dem Englischen, Publizist, Lektor und eine schillernde Figur der italienischen Linken. Auch Rosa Quasimodo, seine erste Frau, der er hier begegnete, war das Kind eines Eisenbahners und die jüngere Schwester von Salvatore Quasimodo, der 1959 als zweiter Sizilianer nach Luigi Pirandello (1934) den Literaturnobelpreis erhielt.

          Sizilien, so lässt sich die kryptische Lakonik der Tafel deuten, hat es nicht nötig, mit seinen Schriftstellern anzugeben, auf Erklärungen für ein auswärtiges Publikum wird verzichtet. Seinen Stolz behält es geradeso für sich wie die Vorgeschichte, die das junge Paar damals unweigerlich in die Ehe führte: „An einem Abend im August“, schreibt Rosa Quasimodo in ihren 1984 erschienenen Erinnerungen, „erwartete er mich wie verabredet am Fenster seines Zimmers, und ich lief barfuß über das ganze Bahnhofsdach und stieg zu ihm in die Wohnung.“

          Andreas Rossmann
          Freier Autor im Feuilleton.

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