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Bagdads Kulturschätze : Die zerschlagene Leier von Ur

Zurück in Bagdad: eine sumerische Beterstatue Bild:

Kaum Bewegungsfreiheit, widersprüchliche Informationen und verschwiegene Einheimische: Die schwierige Mission einer Unesco-Delegation, die einen Überblick über die Kunstverluste im Irak gewinnen möchte.

          Fast zwei Monate nach dem Sturz von Saddam Hussein läßt sich noch immer nicht ermessen, welche Schäden die Museen und archäologischen Stätten im Irak durch den Krieg und seine Folgen erlitten haben. Zwar wird neuerdings gemeldet, die Plünderungen seien nicht so umfangreich gewesen, wie man zunächst befürchtet hatte. Dennoch ist das Bild in mancher Hinsicht verworrener denn je zuvor, nicht zuletzt deshalb, weil verschiedene Seiten scheinbar Widersprüchliches verbreiten, wohl um Spuren zu verwischen und den Schwarzen Peter anderen zuzuschieben.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Allein die politischen, bürokratischen und logistischen Hürden, die einer kleinen Unesco-Delegation dieser Tage im Wege standen, bevor sie überhaupt zu ihrer Erkundungstour nach Bagdad gelangte, zeigt, daß Berge versetzt werden müssen, bevor irgend etwas geschieht. Es fing mit den Verhandlungen über die Zusammenstellung der Delegation an und reichte bis zu den Reisearrangements und den Transporten, die jeweils mit verschiedenen Instanzen abgesprochen werden mußten.

          (...)

          Eingeladen waren schließlich Neil MacGregor, der als Direktor des British Museum die internationale Museumswelt vertrat, der italienische Architekt Roberto Parapetti, Leiter des irakisch-italienischen Instituts für Denkmalschutz, Ken Matsumuto, Leiter der archäologischen Mission Japans im Irak, und John Russell, Dekan des Massachusetts College of Arts. Zu dieser Gruppe, die nach manchen Verzögerungen schließlich mit einem für die humanitäre Hilfe abgestellten Flugzeug der Vereinten Nationen nach Bagdad reiste, stieß auch der amerikanische Archäologe McGuire Gibson von der Universität Chicago.

          Die Besucher hatten keinerlei Bewegungsfreiheit. Sie konnten das von Stacheldraht umzäunte Gelände der Vereinten Nationen, wo sie in Zelten nächtigten, nur unter Begleitung von zwei Fahrzeugen der Vereinten Nationen verlassen. Für einen Ausflug nach Mossul, der sogenannten Perle des Nordens, oder zu den archäologischen Stätten verweigerten die amerikanischen Behörden ihre Zustimmung. Es gibt denn auch bislang kaum Informationen über den Zustand der Kulturdenkmäler außerhalb von Bagdad.

          Chaos auf den Straßen

          Auf den Straßen herrscht Chaos, wie Neil MacGregor schildert. Da der Strom dauernd ausfällt, funktionieren die Ampeln nur sporadisch, und es gibt keine Polizei, die den Verkehr regelt. Vor den von den Amerikanern stark bewachten Tankstellen stehen die Einheimischen 36 Stunden lang Schlange, bevor sie an der Reihe sind. Kein Wunder, daß der Schwarzmarkt floriert. Die Straßen sind gesäumt von Wucherern mit Kanistern, deren Inhalt, wie es heißt, mit Wasser verdünnt ist, mit der Folge, daß die ohnehin maroden Fahrzeuge überall auf der Strecke liegenbleiben.

          An vielen Kreuzungen sind amerikanische Panzer postiert, auf einem sitzt hoch oben ein Soldat unter einem Sonnenschirm und liest. Die amerikanischen Bomben scheinen, den Berichten der Reisenden zufolge, ihre Ziele tatsächlich mit verblüffender Genauigkeit getroffen zu haben, so daß zwar Regierungseinrichtungen zerstört wurden, umliegende Gebäude aber stehengeblieben sind. Viele der Trümmerhaufen, die das Stadtbild prägen, sind wie Parapetti aufgrund seiner intimen Kenntnis des Landes erklären konnte, nicht eine Folge des Krieges, sondern der erbärmlichen Bauindustrie vorangegangener Jahre. Lange bevor die Bomben einschlugen, ließen schlechte Materialien und Termiten die Blöcke nach bloß fünfundzwanzig Jahren in sich zusammenfallen.

          (...)

          Die Direktorin Selma Nawala Mutawali, der Forschungsdirektor Donny George und Gaber Khalil, Generaldirektor der irakischen Antiken-Abteilung, führten die Unesco-Delegation durch das Nationalmuseum. Dort lagen auf einem Tisch die Fragmente der sumerischen Leier von Ur, die zerschlagen wurde, als die Plünderer das Gold von dem Holzrahmen abrissen.

          Plünderung und Verwüstung

          Der goldene Stierkopf des mit Muscheln, Elfenbein und Lapislazuli verarbeiteten Instrumentes aus der angeblichen Geburtsstadt Abrahams fehlt. Es heißt hier und da, er sei vor dem Krieg in Sicherheit gebracht worden. Aber auch hier sind die Informationen widersprüchlich. Die Zerstörung dieser Ikone vorderasiatischer Kunst zeigt ebenso wie die Plünderung der berühmten Steinvase aus Warka, daß es hier um die Beschädigung oder den Diebstahl von immerhin dreißig bis vierzig Schlüsselwerken aus der "Wiege der Zivilisation" geht, selbst wenn das Ausmaß der Verwüstungen geringer sein sollte, als zunächst angenommen wurde.

          Die wertvollsten kleineren Schätze wurden vor dem Krieg offenbar entweder in den Tresoren der Nationalbank eingeschlossen oder in Verstecke gebracht, deren Standort die wenigen Eingeweihten nicht preisgeben wollen. Sie selber haben noch nicht nachgeprüft, ob diese Lager intakt geblieben sind, weil sie meinen, unter Beobachtung zu stehen. Es geht das Gerücht, daß diejenigen, die wissen, wo die Antiken untergebracht sind, ihr Geheimnis so lange hüten werden, bis die Amerikaner den Irak verlassen. (...)

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