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Bachmannpreis : „Ein ordentliches Metaphernschneegestöber“

  • Aktualisiert am

Kathrin Passig gewann mit dem Text „Sie befinden sich hier” Bild: picture-alliance/ dpa

Selten waren sich die Juroren so einig wie in diesem Jahr. Sie verliehen den mit 25.000 Euro dotierten Bachmannpreis mit großer Mehrheit an Kathrin Passig. Im Interview mit FAZ.NET erklärt die unkonventionelle Autorin, wie man einen Gewinnertext schreibt.

          Selten waren sich die Juroren des Bachmannpreises so einig wie im 30. Jahr des Bestehens. Sie verliehen die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung fast einstimmig an Kathrin Passig für ihren Text „Sie befinden sich hier“. Passig erhielt außerdem den im Internet abgestimmten Kelag-Publikumspreis.

          Kathrin Passig, Mitgründerin und Geschäftsführerin der Zentralen Intelligenz Agentur, ist durch ihre Beteiligung an der Website www.hoeflichepaparazzi.de und dem in diesem Jahr mit dem Grimme Online Award ausgezeichneten Weblog „Riesenmaschine“ sowie durch ihre taz-Kolumnen eine netzbekannte Autorin. Sie schrieb ein Sachbuch über Sadomasochismus und arbeitet gerade an einem „Lexikon des Unwissens“. Im Interview mit FAZ.NET erklärt die unkonventionelle Autorin, die nach eigenen Angaben noch nie Literatur verfertigt hat, wie man einen Gewinnertext schreibt. Das Gespräch führte Uwe Ebbinghaus.

          Ihr Text handelt vom Überlebenskampf im Schneegestöber. Wie haben Sie die Extremsituation Klagenfurt, das kameraüberwachte Wettlesen mit anschließender Textkritik, erlebt?

          Es war sehr lustig und es hat mir alles sehr gut gefallen. Ich war ja im vorigen Jahr schon als Zuschauerin da, ich habe Natalie Balkow begleitet. Ich wäre 2004 schon mit Wolfgang Herrndorf hergekommen [er gewann den Kelag-Publikumspreis, d. Red.], aber es kam etwas dazwischen.

          Die meisten Autoren erleben die Lesung in Klagenfurt als unangenehme Situation.

          Ich habe mir das im letzten Jahr angeschaut und gesagt: „Das finde ich toll, das mache ich auch.“ Als dann aber Eva von Schirachs Text, das war mein Lieblingstext, verrissen wurde, habe ich es mir kurzzeitig anders überlegt. Aber ich habe es dann doch versucht und mir war auch klar, daß es so schlimm nicht laufen würde. Frau Strigl hatte mich eingeladen, Herr Detering wollte mich einladen, war aber zu spät dran. Daher war klar, daß es kein komplettes Gemetzel wird.

          Ihr vorgelesener Text - ihr erster literarischer überhaupt - wurde von drei Juroren übereinstimmend als „makellos“ bezeichnet. Können Sie etwas zur Geschichte des Textes sagen? Haben Sie ihn bewußt für Klagenfurt geschrieben?

          Ja. Aus meinen Beobachtungen im Vorjahr habe ich geschlossen, es soll auf jeden Fall kein komischer Text sein, es soll nicht um Beziehungsprobleme gehen und er soll keine schlechten Dialoge enthalten. Dann bin ich, weil ich in letzter Zeit viele Sachbücher über das Leben im Eis verschlungen habe, auf eine Idee gekommen. Ich habe sie Wolfgang Herrndorfer erzählt und der sagte, das könnte klappen. Und dann habe ich es so niedergeschrieben. Ich dachte, in Klagenfurt kann es nicht schaden, ein ordentliches Metaphernschneegestöber loszulassen, ich hatte aber trotzdem Schwierigkeiten, die geforderte Mindestlänge zu erreichen.

          Sie wollten keinen komischen Text schreiben - aber es ist sehr viel gelacht worden.

          Darüber war ich auch überrascht, ich habe sogar ein paar Mal versucht, streng ins Publikum zu schauen. Da sterben immerhin Menschen! Vielleicht hat das vorher abgespielte Videoporträt über mich die Zuschauer lachwillig gestimmt.

          „Alles eine Frage der richtigen Einstellung“ heißt es in Ihrem Text, in dem der wahrscheinlich erfrierenden Erzählperson immer wieder literarische Erinnerungen durch den Kopf schießen. Kommt man mit Literatur leichter durchs Leben und schwierige Situationen?

          Ich wollte eigentlich eher das Gegenteil zeigen, daß es in Extremsituationen überhaupt nicht weiterhilft und daß das Gehirn am Ende doch nur zum gefrorener Eiweißhaufen wird.

          Außerdem hat Ihre hochgebildete Erzählfigur offensichtlich soeben einen Mord begangen.

          Ja, genau. Diese Fährte wollte ich schon legen.

          Sie schreiben viel fürs Internet. Wie hat das Ihr literarisches Schreiben beeinflußt?

          Man stellt sich einfach nicht mehr so an beim Schreiben. Früher habe ich mich sehr angestellt und viel an meinen Texten herumgefeilt. Das ist jetzt nicht mehr so.

          Sie sind als Kolumnistin und Bloggerin eine Expertin für die kleine Form. Könnten Sie sich auch etwas Großes vorstellen, etwa einen Roman?

          Ich habe begonnen, darüber nachzudenken, weil ich mich nach dem Preis irgendwie verpflichtet fühle. Aber zuerst muß ich meinen Sachbuchvertrag bei Rowohlt erfüllen und im nächsten Jahr das „Lexikon des Unwissens“ abschließen. Es macht mir Spaß, Sachbuchtexte zu schreiben, aber auch die Arbeit an „Sie befinden sich hier“ hat mir Spaß gemacht.

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