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Bachmann-Wettbewerb : Im Backshop stimmt die Chemie nicht mehr

  • -Aktualisiert am

Die Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann Preises 2012, die russisch-stämmige Schriftstellerin Olga Martynova, bei der Preisverleihung in Klagenfurt Bild: REUTERS

Klagenfurter Dichterrennen: Ein schwacher Jahrgang stellte sich in diesem Jahr der Jury und acht von vierzehn Texten behandelten das Familienleben. Die höchste Auszeichnung bekam darum Olga Martynova für ihre elegante Künstlererzählung.

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          Chemie ist das, was knallt und stinkt - oder könnte das auch für Bachmann-Wettbewerbstexte gelten? Die Jurorin Daniela Strigl bemerkte jedenfalls in einer der Diskussionen während der 36. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt einen „Trend zu olfaktorischen Problemfällen“, und auch bei vielen anderen der diesjährigen Texte konnte man ein Schielen nach Knalleffekten beobachten oder sogar das Scheitern des Experiments.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Zu den verrücktesten Versuchsanordnungen dieses Wettbewerbsjahrgangs gehörten etwa die Geschichte einer Schwarzwaldfamilie, in welcher der Vater seine Kinder zum Ausschlachten von Elektroschrott zwingt (in der Erzählung „Unternehmer“ des 1979 geborenen Matthias Nawrat), die aus dem Tod heraus erzählte Geschichte einer abgestürzten Bergsteigerin, deren Geist durch Organtransplantation einer von ihr gespendeten Niere auf einen jungen Mann übergeht (im Romanauszug „Ich werde dich finden“ des 1978 geborenen Simon Froehling) oder die Nahaufnahme einer Backshop-Angestellten, die ins Geschäft der Sexdienstleistung wechselt (im noch unbetiteltem Text der 1977 geborenen Inger-Maria Mahlke).

          Ob das noch lange funktioniert?

          Dass man es beim Bachmann-Wettbewerb schon fast selbstverständlich mit Konstruktionen zu tun hat, denen man ihre Versuchsanordnung ansieht, spiegelte sich auch in einem verräterischen Begriff, der in den Jury-Diskussionen öfter zu hören war: Nämlich in der Frage, ob ein Text „funktioniert“. Sollen literarische Texte denn wirklich nur Experimente oder schnurrende Maschinchen sein, die das Dechiffrier-Syndikat auf Funktionalität prüft? Bei dieser Problematik mag auch die inzwischen langjährige Schreibschul-Erfahrung der Juroren eine Rolle spielen, auf die der Jury-Vorsitzende Burkhard Spinnen wiederholt zu sprechen kam.

          Nach der Eröffnungsrede von Ruth Klüger, die anhand der Poetik Ingeborg Bachmanns von der Literatur im Allgemeinen wie auch von den Wettbewerbsteilnehmern im Besonderen das Ringen um „den haltbaren Satz im Bimbam der Worte“ einforderte, hatte man sich zumindest etwas weniger laborhafte Schreibansätze erhofft. Symptomatisch auch, dass etwa eine Debatte wie jene von Martin Mosebach angestoßene über Blasphemie und Zensur, die einmal in einer Lesepause in einem Expertengespräch vom übertragenden Sender 3Sat aufgegriffen wurde, völlig an den Belangen der meisten Wettbewerbsautoren vorbeigeht.

          Dabei waren dies durchaus nicht nur junge Debütanten, denen man ja oft und manchmal auch zurecht eine Konzentration auf die eigene Erfahrungswelt vorwirft. Der spät vom literarischen Übersetzen zum Schreiben gekommene Stefan Moster (geb. 1964) etwa präsentierte eine proustisch anmutende Reflexion über das Erinnern anhand eines Interrail-Urlaubs in Griechenland („Der Hund von Saloniki“), Kritiker Paul Jandl entdeckte darin aber nur „motivische Auslegeware“. Die 1958 geborene Sabine Hassinger versuchte mit einem sprachexperimentellen Text „Die Taten und Laute des Tages“ einzufangen, der von der Jury aber als unnötig verrätselt eingestuft wurde.

          Ein Dackel namens Mogli

          Auffällig an diesem Jahrgang war, dass acht von vierzehn Texten sich mit Familienthemen beschäftigten - man könnte es auf die Formel „Kinder und Hunde“ bringen, es spielten aber auch Echsen und Frösche eine Rolle. Und doch gab es einen Rettungsanker in diesem Wettbewerb. Die Die 1962 geborene und in Leningrad aufgewachsene Olga Martynova, die seit 1991 in Deutschland lebt, schilderte in einem von starkem russischem Akzent geprägten Vortrag ihrer Erzählung „Ich werde sagen: ‚Hi’“ die schriftstellerische Initiation eines jungen Mannes, die in ein überaus dichtes literarisches Motiv- und Anspielungsnetz eingebunden ist. In der Jurydiskussion wurde der Text fast einhellig gelobt und schließlich zurecht mit dem Bachmannpreis ausgezeichnet. Paul Jandl sprach in seiner Laudatio von einer „großen und witzigen Erzählung“, die gleichzeitig ihre hochreflektierte Poetologie mitliefere, sowie von einer Geburt des Sinnes aus der Sinnlichkeit.

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