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Wider den „Mythos Klagenfurt“ : Kinderlieb

Im Sand hinter dem ORF-Studio in Klagenfurt Bild: ORF

Texte seien wie Kinder, so ein Klagenfurter Juror, denn Eltern schmerze, wenn diese nach Auszug erfolglos um Anerkennung kämpfen. Man möchte ergänzen: mitunter wegen Nachbarn, die schlicht für misslungen halten, was sie nicht verstehen.

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          Weil beim Wettlesen in Klagenfurt vierzehn hoffentlich sehr unterschiedliche Texte zu hören sind, die jedenfalls von vierzehn Menschen mit sehr unterschiedlichem Hintergrund stammen, weil zudem die sieben Juroren schon nach den ersten Diskussionen über diese Texte sehr unterschiedliche Grade des Verstehens offenbarten, ist es gut, dass traditionell zur Eröffnung der Veranstaltung eine Rede gehalten wird, die irgendwie grundsätzlich von der Literatur, dem Betrieb oder wenigstens Klagenfurt handeln und das Ganze zusammenhalten soll.

          Diesmal blieb das dem Autor Burkhard Spinnen vorbehalten, der einmal mit einem eigenen Text zum Wettbewerb gekommen war und danach jahrelang als Juror über andere Texte urteilte, zuletzt als Vorsitzender der Jury. Also sprach er vom Kampf gegen den „Mythos Klagenfurt“, der noch aus den ersten Tagen des Wettbewerbs stamme und im öffentlichen Urteil der Jury eine Literaturvernichtungsorgie sieht, wenn es denn ungünstig ausfällt. Oft genug sei dieser Mythos „stärker als die Realität“ gewesen, meinte Spinnen, und das soll wahrscheinlich heißen, dass in seiner Zeit die meisten Juroren über all die Jahre freundlicher, die Texte besser und die Autoren zufriedener waren, als es dem Mythos entspricht.

          Das mag auch dem Umstand geschuldet sein, dass die Texte, über die geurteilt wird, von den Juroren selbst ausgewählt und ins Rennen geschickt werden, und weil Texte „wie Kinder“ seien, wie Spinnen sagte, tue es den Eltern und Paten eben weh, „wenn sie sich draußen in der Welt erfolglos um Anerkennung bewerben“, nachdem sie das Haus verlassen haben. Das ist ein hübscher Vergleich, in dem eben auch die Erfahrung steckt, dass manche Eltern ihre Kinder abgöttisch lieben, während die gesamte Nachbarschaft über die ungezogenen Gören lästert; aber da ist dann auch nichts mehr zu machen, wenn die Kinder erst mal groß sind. Dass aber Nachbarn manchmal herrlich blind sind, dass sie für falsch und misslungen halten, was sie nicht verstehen, auch dies lässt sich in Klagenfurt bestens studieren. In jeder Jurysitzung neu.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

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