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Avantgarde-Rockband Tortoise : Als die Musik noch waghalsig war

Tortoise – Die Band aus Chicago hat die Popmusik in mehrfacher Hinsicht revolutioniert. Jetzt sind sie im Frankfurter Club Das Bett zu Gast. Bild: Wonge Bergmann

Die Avantgarde-Rockband Tortoise aus Chicago erinnert daran, wie stilistisch offen Pop einst sein konnte. Bei ihrem Auftritt in Frankfurt überzeugt sie mit ihren vielen Qualitäten auch heute noch.

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          Was waren die neunziger Jahre doch für eine popkulturell ergiebige Zeit! Nie zuvor und nie danach gab es eine so große stilistische Vielfalt kommerziell erfolgreicher Musiker: Die Spannbreite reichte vom Ambient à la Autechre bis zum Alternative von Nirvana und R.E.M., vom Big Beat der Prodigy und Chemical Brothers bis zum Gangsta Rap von Snoop Dogg und vom Trip Hop à la Portishead bis zum Britpop von Blur und Oasis. Und wahrscheinlich waren die Neunziger auch das letzte Jahrzehnt, in dem eine Formation wie Tortoise geschehen, diese wild herumexperimentieren und auch noch vom Plattenkäufer viel beachtet werden konnte.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Diese Band, Fixstern der avantgardistischen Szene von Chicago, bezog so viele Stile in ihren schwer definierbaren Mix ein, dass Kritiker sich damals mit dem Begriffskonstrukt Post Rock behelfen mussten, um ihre Außergewöhnlichkeit zu benennen. Immerhin fanden die Pop-Analysten anschließend überall auf der Welt, vor allem aber in Chicago immer mehr Bands, auf die das von den Bands ungeliebte Etikett zu passen schien.

          Tortoise waren ein glücklicher Zufall der Popgeschichte

          Zwei Jahrzehnte sind seither vergangen. Das Publikum, das Tortoise nun im Frankfurter Musikclub „Das Bett“ andächtig lauscht, ist mit den fünf Bandmitgliedern ergraut. Zwei Schlagzeuge stehen im Zentrum der Bühne – drei der Musiker waren ursprünglich einmal Drummer, was man den durchstrukturierten Kompositionen anmerkt. Am Rande sind zwei Vibraphone aufgebaut, dazwischen allerlei Keyboards und Soundeffekt-Maschinen. Während die Drummer John McEntire, John Herndon und Dan Bitney nach jedem Stück das Instrument wechseln und wahlweise mit irgendwelchen Soundmaschinen oder Schellenkränzen Geräusche erzeugen, bilden Bassist Doug McCombs und Gitarrist Jeff Parker optisch und akustisch den Anker des Quintetts.

          Tortoise sind ein Zufall der Popgeschichte. Eigentlich hatten die Mitglieder Mitte der neunziger Jahre eine Pause von ihren Hauptformationen gesucht. Weil sie das Studio eines befreundeten Musikers nutzen konnten, probierten sie Dinge aus, die sie dort nicht gewagt hätten. So griffen sie in die Tiefen ihres eigenen stilistischen Arsenals zurück: Aus Krautrock, Dub, Jazz, Minimal Music und basslastigem Rock schufen sie ein reichlich eklektizistisches Amalgam. Ihre drei ersten Alben „Tortoise“, „Millions Now Living Will Never Die“ und „TNT“ waren Schlüsselwerke dieses experimentierfreudigen Jahrzehnts und verkauften sich überraschend gut. Die Band wurde zu Jazzfestivals und auf Rockbühnen gebucht. Auf ihren anschließenden Platten erreichten sie weiterhin ein hohes Niveau, ohne die Popmusik noch einmal so herauszufordern wie ganz zu Beginn.

          Die Musik von Tortoise ist so intelligent, klingt aber lange nicht so angestrengt wie der heute verpönte Progressive Rock. Das macht den Frankfurter Abend, dem Auftritte in Köln, Leipzig, Dresden, Karlsruhe und Berlin folgen werden, zu einer entspannten Angelegenheit. Besonders wenn die Bandmitglieder einzelne Instrumente doppelt oder gar dreifach besetzen, fällt auf, wie gut sie aufeinander hören – eine Qualität, die man sonst eher im Jazz erwarten würde.

          Bitney und Herndon erzeugen am Schlagzeug komplexe Polyrhythmen, McCombs und Parker umschlängeln sich mit zwei Bässen. Einem Dirigenten ähnlich setzt McEntire Soundtupfer an den Keyboards, um dann wieder an den Drums zum wilden Freakout aufzufordern. Am sinnlichsten wird es, wenn die Musiker zu dritt am Vibraphon stehen und eine verschachtelte Melodie wie in „Ten Day Interval“ erzeugen, das neben dem betörenden Track mit dem ungewöhnlichen Titel „In Sarah, Mencken, Christ and Beethoven, there Were Women and Men“ an diesem Abend das einzige Stück aus dem Frühwerk der Band bleiben wird.

          Tortoise sind die Verkörperung der Musikszene von Chicago. Mangels eines charismatischen Frontmanns steht wie in vielen dortigen Bands das Kollektiv im Mittelpunkt. Das Bedürfnis, wiedererkennbare Songs zu schreiben, wich irgendwann dem Wunsch, in sich geschlossene Tracks zu komponieren. Gesungen wurde auf Tortoise-Platten erstmals in diesem Jahr, als die Band auf zwei Stücken ihres wieder einmal sehr gelungenen Albums „The Catastrophist“ zwei Gastsänger einsetzte. Während des Frankfurter Auftritts bleiben die Gesangsmikrofone dagegen außer für einige spärliche Ansagen ungenutzt. Schon nach 55 Minuten beenden die fünf Musiker ihren ersten Set, lassen sich dann aber noch zu zwei längeren Zugaben hinreißen. Als dann nach 85 Minuten die Lichter wieder angehen, ist es, als landete man nach einer erlebnisreichen Reise auf einen anderen Planeten wieder auf der Erde.

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