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Autor Marcelo Figueras : Das geplante Elend ist wieder da

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Marcelo Figueras ist seit kurzem Redaktionsleiter einer digitalen Zeitung: Er sagt, er verspüre die politische Verantwortung, sich zu engagieren. Bild: Alejandra López

Der argentinische Autor Marcelo Figueras erinnert an die politischen Texte des während der Militärdiktatur ermordeten Schriftstellers Rodolfo Walsh. Und erkennt in ihnen viele Parallelen zur aktuellen Situation seines Landes.

          In Buenos Aires gibt es kein Gespräch über Literatur oder Politik ohne Erwähnung von Jorge Luis Borges. Bei Marcelo Figueras dauert es mehr als eine halbe Stunde, vergleichsweise lange. Um zu verstehen, wer der Schriftsteller Rodolfo Walsh gewesen ist, sagt Figueras, möge man sich eine Mischung aus Sherlock Holmes, Borges und Che Guevara vorstellen: „Jemand, der die detektivischen Fähigkeiten eines Holmes hat, die literarische Brillanz von Borges und eine politische Haltung, deren Kern die Parteinahme für die Schwachen und Schutzlosen ist.“

          Der Protagonist des jüngst bei Hanser ins Deutsche übersetzten Romans „Das schwarze Herz des Verbrechens“ von Figueras heißt „R“. Die erste Seite der Originalausgabe ziert eine Schwarzweiß-Fotografie des jungen Rodolfo Walsh. In der Danksagung heißt es, man möge das Buch als das verstehen, als was es gemeint sei, nämlich „eine Hommage an diesen Mann“. Die Erzählung „Diese Frau“, eine Rekonstruktion des Verbleibs der Leiche von Evita Perón, ist einer der bekanntesten Texte von Walsh. In einer Umfrage wurde er 1999 zur besten argentinischen Erzählung des zwanzigsten Jahrhunderts gekürt, vor all der Konkurrenz von Borges bis Cortázar.

          Ein sehr persönliches Problem

          Rodolfo Walsh, Jahrgang 1927, wurde am 25. März 1977 mitten in Buenos Aires von einem Einsatzkommando der Marine erschossen. Kurz zuvor hatte er, damals Mitglied der linksperonistischen Guerilla Montoneros, Kopien seines „Offenen Briefes eines Schriftstellers an die Militärjunta“ in Briefkästen geworfen. Darin hatte er zum ersten Jahrestag des Ausbruchs der Militärdiktatur die desaströsen Folgen der Wirtschaftspolitik der Junta ebenso konzise benannt wie etliche Verbrechen, die bis heute juristisch aufgearbeitet werden. Bekannt geworden war Walsh 1957 mit „Operación Masacre“, (deutsch „Das Massaker von San Martín“), der Rekonstruktion einer widerrechtlichen Exekution von einem Dutzend Peronisten 1956 in José León Suaréz, einem Vorort von Buenos Aires – einer Hinrichtung, bei der skurrilerweise einige Opfer überlebt hatten. Der Bericht, letztlich pure journalistische Dokumentation, lieferte alle notwendigen Fakten und Aussagen für eine juristische Aufklärung dieses Verbrechens. Die hat dann zwar niemals stattgefunden, aber die klandestine Recherche veränderte Walshs Leben radikal. „Operación Masacre“ begründete das Genre des Testimonials – lange vor Truman Capotes „Kaltblütig“ von 1966.

          Marcelo Figueras, der einem Gespräch mit der knappen Bemerkung, es sei immer ein Vergnügen, über Walsh zu plaudern, zugestimmt hatte, hat nun „Operación Massacre“ noch einmal geschrieben. Sein Roman „Das schwarze Herz des Verbrechens“ ist eine veritable mise en abyme der Recherchen Walshs. „Ich dachte schon, wenn mir der Text halbwegs gelingt, dann könnte ich damit eine Art Endlosschleife generieren, in dem Sinne, dass derjenige, der den Roman liest, danach Lust haben wird, ,Operación Masacre‘ zu lesen, um danach wieder in meinen Roman zu schauen“, sagt er. Leicht ist ihm die Entscheidung nicht gefallen. Walsh, dessen Name heute eine Metrostation von Buenos Aires trägt, dessen Konterfei in Argentinien T-Shirts zieren und nach dem in seiner Heimat Fakultäten, Schachturniere und Auszeichnungen benannt sind, habe sich schließlich nach der Diktatur für viele Argentinier ins „Paradigma eines romantischen Helden“ verwandelt.

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