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Automatisierte Sprache : Wörter sind die Wegwerfartikel unserer Zeit

  • -Aktualisiert am

Was noch zu lesen wäre: David Gelernter im Renaissance-Theater Bild: Julia Zimmermann

Tippfehler: David Gelernter entwirft bei seiner Berliner Lektion „Remembering how to read“ eine Welt, in der nicht mehr die Hände, sondern die Maschinen schreiben.

          Es war nur ein Nebensatz, in dem der Informatiker David Gelernter während seines Vortrags auf Programme zu sprechen kam, die uns das Schreiben abnehmen, da sie, ähnlich wie es das für Musik bereits gibt, unsere Art zu schreiben, unsere Vorliebe für bestimmte Wendungen, Weisen, Worte analysiert und in Algorithmen umgerechnet haben. So wie sie unseren Musikgeschmack umgerechnet haben, weshalb sie in der Lage sind, uns ein Lied vorzuschlagen, das uns gefallen müsste, wie sie uns bald einen Satz vorschlagen werden, den ansonsten wir formuliert hätten. Nun schreiben sie uns fort, und wenn derjenige, der die Nachricht dann erhält, per E-Mail, Kurzmitteilung oder Chat, über ein ähnliches Programm verfügt, das er für sich schreiben lässt, werden wir endlich den Maschinen zusehen können,wie sie in unser Namen miteinander kommunizieren, ohne dass es uns brauchen würde oder wir überhaupt noch gemeint wären.

          Um den Wert des Wortes ging es David Gelernter in seiner Berliner Lektion, die er am Sonntag zum Thema „Remembering how to read“ hielt und in welcher er seinem Lebensthema, wie uns die Digitalisierung unseres Lebens verändert, einen Schritt weiter nachging. Worte sind für Gelernter Produkte eines Arbeitsprozesses, der darin besteht, sie aus dem Kopf aufs Papier zu bringen. Schreiben heißt für ihn denken lernen, lesen, nachdenken lernen. Zumindest galt dies seiner Meinung nach, bis jene technologische Revolution einsetzte, die mittels Tastatur und anderer Eingabehilfen die Geschwindigkeit des Schreibens der des Denkens annäherte, jedoch um den Verlust des geistigen Lektorats.

          Was bleibt von der Schriftsprache?

          Heute stehen die Dinge viel häufiger so da, wie sie gedacht wurden, was für David Gelernter heißt, in all ihren ungekämmten Irrtümern, Wiederholungen und Verdrehungen. Das Schreiben trainiert das Denken nicht mehr und vermindert so den Wert des Wortes. So gesehen verhält sich jeder, der sich im täglichen Ansturm der elektronischen Nachrichten dafür entscheidet, viele von ihnen schlicht zu ignorieren, nicht etwa unhöflich sondern angemessen. „Virtuelle Worte“, sagt David Gelernter, „sind Wegwerfartikel“, ihnen fehle Dauerhaftigkeit.

          Die Gründe dafür sieht er in jener Mischung aus Angebot und Nachfrage, die all die Techniken antreibt, die der Markt erfasst hat, eben weil sie sich darüber antreiben lassen. Einerseits sind die Menschen in der Lage, immer schneller zu schreiben, ohne dass es den Filter der sich langsam bewegenden Hand gibt, andererseits verschafft ihnen das Internet die Möglichkeit, das Geschriebene auch zu veröffentlichten, ohne dass es zuvor durch den Filter einer editierenden Redaktion müsste. Der Mensch tritt David Gelernter zufolge gerade aus dem Zeitalter der universellen Alphabetisierung in das des universellen Publizierens über. Die Frage ist nur, was dies für die Sprache bedeutet.

          Nach David Gelernter sehen wir einem Kollaps der Schriftsprache entgegen, was nichts anderes bedeutet, als dass auch die Art des Denkens, deren Gefäß sie ist, kollabieren wird. Übrig bleiben jene Zeichen und Symbole, die aus der Kultur des ständigen Abgelenktseins und Unterbrochenwerdens hervorgegangen sind und als Gefäße, will man sie denn überhaupt so nennen, doch eher nur Meinungen als Gedanken, eher Stimmungen als Gefühle transportieren, Inhalte jedenfalls, die simpel genug sind, dass sie in dem sich immer stärker beschleunigenden „Cyberpulse“, in dem wir inzwischen Neuigkeiten empfangen, überhaupt noch die Chance haben aufgenommen zu werden.

          Damit gilt für das Denken, was für alle Dinge gilt, die digital beschleunigt werden: Was zu schwer ist, muss Masse loswerden.Das sind natürlich keine schönen Aussichten. Gebe es das anfangs beschriebene Programm schon auf dem Computer, auf welchem dieser Text entstanden ist, würde es nun, bevor man die Sache zu Ende gedacht hat, womöglich nur ein kleines Smiley zeigen. Aber vielleicht wird es doch nicht so schlimm. ;-)

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