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Auszeichnung : Literaturnobelpreis für Harold Pinter

  • Aktualisiert am

Harold Pinter Bild: AP

Der Literaturnobelpreis 2005 geht an einen Mann des Theaters: den britischen Dramatiker Harold Pinter. Er lege, so die Jury in ihrer Begründung, „in seinen Dramen den Abgrund unter dem alltäglichen Geschwätz frei“ und breche ein „in den geschlossenen Raum der Unterdrückung“.

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          Der Literaturnobelpreis 2005 geht an den britischen Dramatiker Harold Pinter. Das gab die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm bekannt.

          Pinter sei ein Autor, so heißt es in der Begründung der Jury, der „in seinen Dramen den Abgrund unter dem alltäglichen Geschwätz freilegt und in den geschlossenen Raum der Unterdrückung einbricht“. Seine einmalige Stellung als moderner Klassiker werde auch dadurch veranschaulicht, daß aus seinem Namen ein Adjektiv gebildet worden sei, „das eine gewisse Stimmung und ein gewisses Milieu in Theaterstücken beschreibt, nämlich: 'pinteresk'.“

          Akademie-Sekretär Horace Engdahl sagte, Pinter sei von der Nachricht überwältigt worden. „Er hat nicht viele Worte gesagt, aber er war in der Tat sehr glücklich“, sagte Engdahl. Die Entscheidung für Pinter kommt ähnlich überraschend wie die Auszeichnung Elfriede Jelineks vor einem Jahr. Zu den in der Literaturszene Favorisierten zählte der Brite, anders als etwa die Amerikaner Philip Roth oder Thomas Pynchon, nicht.

          Pinter 1973 in New York
          Pinter 1973 in New York : Bild: AP

          Gleichwohl gilt Pinter als bedeutendster und auch rätselhaftester englischer Dramatiker der Gegenwart. Zu seinen wichtigsten Stücken zählen „Der Hausmeister“, „Alte Zeiten“, „Schweigen“ oder „Die Heimkehr“. Erst in diesem Jahr hatte Pinter verkündet, nicht mehr für die Bühne schreiben zu wollen. In einem Rundfunkgespräch sagte er, nach neunundzwanzig Stücken sei es nun genug: „Mir reicht es. Ich habe jetzt andere Formen gefunden.“ Er wolle sich mehr der Lyrik zuwenden und der Politik, für die er sich auf öffentlichen Plattformen wie in seinem Werk mit der Zeit zunehmend und zunehmend heftig engagiert.

          Undurchschaubar und bedrohlich

          Über Pinters Werk sind dicke Bände geschrieben worden. Und Theaterwissenschaftler haben alles mögliche in seine Stücke hineingelesen. Ließe er nicht so vieles im Ungewissen, weckte er mit den undurchschaubaren Figuren, den bedrohlichen Eindringlingen, den psychologischen Machtkämpfen, dem Durcheinander von Sein und Schein und den ebenso viel- wie nichtssagenden Schweigemomenten, mit denen er sich wie Kafka die Lexikoneintragung „pinteresk“ verdient hat, wären die Nachforschungen wohl weniger.

          Doch der Autor hat sich bei aller Bereitschaft, über das eigene Leben zu sprechen, stets gegen tiefgründelnde Beudeutungsfragen verwahrt. Es sei „verdammt ärgerlich“, schimpfte er schon Ende der sechziger Jahre, daß die Leute nicht einfach akzeptieren könnten, was auf der Bühne geschehe. Er sei kein Soziologe, sondern nur ein Schriftsteller, der kaum begrifflich denke -, „niemals vorher und selten hinterher“. Noch gereizter hatte er reagiert, als Alan Ayckbourn, der 1959 den Stanley in der „Geburtstagsfeier“ spielte, Informationen wollte, was Pinter ihm über die Figur mitteilen könne. Der ließ ihn mit einem Fourletterword wissen, er solle sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern und sich einfach darauf konzentrieren, was da stehe.

          Herkunft aus dem Arbeitermilieu

          Durch seine Herkunft aus Hackney im Londoner East End, wo der Enkel osteuropäischer Juden am 10. Oktober 1930 als Sohn eines Schneidermeisters geboren wurde, ist Pinter das Arbeitermilieu seiner ersten Stücke ebenso vertraut wie das „Smalltalk“ der Society, über die er sich mit sarkastischer Abfälligkeit in späteren Stücken mokiert. Und wenn den Figuren keine Banalitäten mehr einfallen, hinter denen sie sich verstecken können, herrscht bleiernes Schweigen, in dem die unausgesprochenen Affekte spuken.

          Prägend für seine Biographie waren laut Pinter die deutschen Bombenangriffe auf London, die er als Kind miterlebte; dieses Erlebnis, sagte er, habe ihn nie losgelassen. 1950 veröffentlichte er seine ersten Gedichte, sein erstes Theaterstück „The Room“ kam 1957 in Bristol auf die Bühne.

          Der Zorn und die mangelnde Autoritätsgläubigkeit waren bei Pinter früh ausgeprägt. Als ein Lehrer ihn einmal prügelte, verließ der Fünfzehnjährige das Klassenzimmer und verlangte einen Termin mit dem Schulleiter, um sich über die ungerechte Behandlung zu beschweren. Genauso unverdrossen spricht er sich jetzt gegen das aus, was er als Unrecht empfindet, sei es die Verfolgung von Oppositionellen und ethnischen Minderheiten in der Türkei, den von Washington finanzierten Widerstand gegen die „demokratisch gewählten“ Regime in Chile und Nicaragua und die für ihn unerträgliche Heuchelei des Westens, der die Moral für sich beanspruche, während er Grausamkeiten in aller Welt geschehen lasse. Seit den achtziger Jahren spiegeln sich diese Anliegen auch verstärkt in seinen Stücken wider.

          Ein Gegner Amerikas

          Seit Jahren setzt der britische Dramatiker sich gegen die Mißstände in der Welt ein, inbrünstig wie ein jugendlicher Aktivist, der gerade erst entdeckt hat, wie ungerecht das Leben ist, und noch glaubt, die Politik könne Berge versetzen. Pinter wütet schon seit Jahren gegen die Vereinigten Staaten. In der Zeitschrift „Granta“, die vierundzwanzig Schriftsteller einmal bat, sich im Lichte des 11. September zum Einfluß der amerikanischen Kultur zu äußern, nannte Pinter die Vereinigten Staaten ein „ausgemachtes, preisgekröntes, vergoldetes Monster“.

          Von 1956 bis 1980 war Harold Pinter mit der Schauspielerin Vivien Merchant verheiratet. 1980 heiratete er die Schriftstellerin Lady Antonia Fraser.

          Harold Pinters Werke auf deutsch

          Tiefparterre / Neu durchges. Fassung nach d. Übers. von Willy H. Thiem. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 1967. - Originaltitel : The Basement

          Teegesellschaft / nach d. Übers. von Willy H. Thiem, d. Bühnen gegenüber Ms. - Reinbek bei
          Hamburg : Rowohlt, 1968. - Originaltitel: Tea Party

          Dramen / Neu durchges. Fassung nach d. Übers. von Willy H. Thiem u.a. - Reinbek bei Hamburg :
          Rowohlt, 1970

          Alte Zeiten ; Landschaft ; Schweigen : 3 Theaterstücke / Dt. von Renate u. Martin Esslin. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 1972

          Betrogen / Dt. von H. M. Ledig-Rowohlt. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 1978. - Originaltitel : Betrayal

          Das Treibhaus / Dt. von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 1980. - Originaltitel: The Hothouse

          Der stumme Diener : ausgew. Dramen / Übers. aus d. Engl. von Willy H. Thiem ... Ausw. u. Nachw. von Klaus Köhler. - Leipzig : Insel-Verlag, 1981

          Familienstimmen / Dt. von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt-Theater-Verlag, 1981. - Originaltitel: Family Voices

          Einen für unterwegs / Dt. von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt-Theater-Verlag, 1984. - Originaltitel: One For the Road

          Genau / Dt. von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, Theater-Verlag, 1986. - Originaltitel: Precisely

          An anderen Orten : 5 neue Kurzdramen / Dt. von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 1988

          Die Geburtstagsfeier ; Der Hausmeister ; Die Heimkehr ; Betrogen. - Nach den Übers. von Willy H. Thiem. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 1990

          Die Zwerge : Roman / Dt. von Johanna Walser und Martin Walser. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 1994. - Originaltitel : The Dwarfs

          Mondlicht und andere Stücke. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt-Taschenbuch-Verl., 2000

          Krieg / Aus dem Engl. von Elisabeth Plessen und Peter Zadek. - Hamburg : Rogner und Bernhard bei Zweitausendeins, 2003. - Originaltitel : War

          (Quelle: Schwedische Akademie)

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