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Auswanderungswillige : Flexibel sind wir sowieso

145.000 Menschen haben Deutschland im vergangenen Jahr offiziell verlassen. Es werden hunderttausend mehr gewesen sein. Die meisten lockt nicht das Fernweh, sie suchen Arbeit. Was Auswanderungsberater in Berlin erzählen.

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          Das Rollbergviertel in Berlin-Neukölln gehört zu den sozialen Brennpunkten der Stadt. Der Ausländeranteil in der Neubausiedlung aus den sechziger und siebziger Jahren beträgt vierzig Prozent, die Arbeitslosenquote ist ebenfalls hoch. Ein Viertel der Bewohner ist jünger als achtzehn Jahre. Das „Abziehen“, jener organisierte Straßenraub unter Jugendlichen, der vor kurzem in Kreuzberg Krawalle mit der Polizei auslöste, gehört auch hier zum Alltag. Vor drei Jahren wurde im Rollbergviertel ein Polizist bei einem Einsatz gegen Drogenhändler erschossen. Inzwischen hat sich die Lage im Viertel beruhigt. Eine Idylle ist das Wohngebiet am Rollberg trotzdem nicht.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Mitten im Viertel, im Gemeindehaus an der Morusstraße, liegen die Räume des Diakonischen Werks Neukölln-Oberspree, einer Einrichtung der evangelischen Kirche. Hier finden Migranten, Hartz-IV-Empfänger, Schwangere und andere Rat und Hilfe. Im Obergeschoß hat Eta Abasow ihren Schreibtisch. „Ich bin eine Art Querulantin in diesem Haus“, sagt sie. Eta Abasow ist Auswanderungsberaterin. Sie führt eines von zweiundzwanzig staatlich geförderten Beratungsbüros für Auswanderungswillige in Deutschland - aber nur noch bis zum Ende des Jahres. Dann laufen die Mittel aus, mit denen das Bundesverwaltungsamt ihre Stelle subventioniert, und Eta Abasow muß in die Migrantenberatung wechseln. Der Abschied von ihrer Tätigkeit fällt ihr schwer: „Man will keine Auswanderung“, glaubt sie, „also wird das Geld für die Beratung gestrichen.“

          Die tatsächliche Zahl: bis zu einer Viertelmillion

          An den Auswanderungszahlen in Deutschland wird das wenig ändern. Im Jahr 2005 hat Eta Abasow gut eintausend Beratungen erteilt, in diesem Jahr waren es schon 1600. Laut Statistik haben 145.000 Deutsche im vergangenen Jahr die Bundesrepublik verlassen, um im Ausland ein neues Leben zu beginnen. Knapp die Hälfte von ihnen war unter dreißig Jahre alt. Die tatsächliche Zahl, vermuten Experten, könnte bei einer Viertelmillion liegen, da viele Auswanderer sich nicht offiziell abmelden. Eta Abasow, die seit sechs Jahren in der Morusstraße arbeitet, hat miterlebt, wie sich die Zahl der Auswanderungswilligen in dieser Zeit verdoppelte. Die Hemmung, Deutschland zu verlassen, habe deutlich abgenommen: „Es besteht wenig Bindung an das Elend hier.“ Einen Ausspruch hört sie immer wieder: „Ich möchte in diesem Land nicht alt werden.“

          Eta Abasow, die vor dreißig Jahren als junge Frau aus Polen zugewandert ist, berät vor allem „schuldlos Arbeitslose“ mit abgeschlossener Ausbildung. Ein Viertel ihrer Kunden ist Akademiker, die Hälfte kommt aus handwerklich-technischen Berufen. Der Rest verteilt sich auf Studenten, Schulabgänger auf Praktika-Suche und arbeitslose Ungelernte. Selbst diese, erzählt die Beraterin, bekämen im nahen Ausland ihre Chance: „Ein unqualifizierter Lagerarbeiter kann in Holland Arbeit finden.“ Ist man älter als vierzig, sei es allerdings grundsätzlich schwer, auf dem fremden Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, und von fünfzig an werde es „ganz schwierig“.

          Sie kennt die Gemeinplätze - und die Details

          Wer zu Eta Abasow kommt, um sich vorgefaßte Meinungen über Auswanderung widerlegen zu lassen, ist bei ihr an der falschen Adresse. Die Lage ist offenbar genau so, wie man es allenthalben liest; nur kennt Frau Abasow auch die Details. Daß deutsche Ingenieure, Architekten und Informatiker in Irland und in England, Krankenschwestern und Pfleger dagegen besonders in Skandinavien gesucht werden, hat man schon gehört, aber die Auswanderungsberaterin vermittelt auch Automechaniker ins Ausland: „In Schweden steht denen alles offen.“ Skandinavische Personalchefs, erklärt sie, seien „total locker“. Anders als ihre deutschen Kollegen legten sie auf Aussehen und Geburtsdatum der Bewerber wenig Wert: „Die wollen objektiv entscheiden.“ Eta Abasow erzählt von einer Potsdamer Familie, der Vater Kfz-Schlosser, die Mutter Krankenschwester, die im Rahmen des EU-Programms zur Förderung grenzüberschreitender Beschäftigung nach Göteborg auswanderte. Beide fanden sofort Arbeit und ein Haus, ihr Kind geht auf eine schwedische Schule.

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