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Ausstellungsprojekt : "DisSimile" - Europas Kulturen auf Wechselkurs

  • -Aktualisiert am

„Force4”, home of the future, Kopenhagen, Fertigstellung 2003 Bild: Kunsthalle Baden-Baden

Am Ende des ersten Euro-Jahres fragt ein Ausstellungsprojekt in Baden-Baden nach der „kulturellen Währung“ Europas.

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          Am Ende des ersten Euro-Jahres stellt sich die spannende Frage, ob Europa auch eine „kulturellen Währung“ eint: Gibt es in der Vielheit der Nationen symbolische Werte, die der fortgeschrittenen ökonomischen Integration gegenüber stehen? Gibt es eine europäische Verständigung auf der Ebene von Bildern, Tönen, Gesten und Phantasien?

          Matthias Winzen und Ludger Hünnekens regen diese Fragen in einem Projekt an, das mit dem Begriff „Ausstellung“ nur unzulänglich beschrieben wäre. „DisSimile, Projektionen: junge europäische Kunst“ gibt in Baden-Baden elf Wochen lang 70 Kulturschaffenden aus unterschiedlichen Ländern Gelegenheit, sich öffentlich auszutauschen. Dabei werden in der staatlichen Kunsthalle kreative Kräfte frei, die von der Fotografie, über die Werbung bis zur Architektur und Clubkultur reichen. An diesem Wochenende wurde die von der Allianz-Kulturstiftung mitgeplante und -finanzierte Schau mit einer Video-Tanzperformance der Belgier Christine De Smedt und Marten Spangberg eröffnet, bei der tanzbegeisterte Bürger zu Akteuren wurden.

          Wie Zukunft aussehen kann

          „DisSimile“ bezeichnet das Ungleichgleiche europäischer Nationen. Sie sind verschieden und doch untereinander kommunikationsfähig. Das wird an diesem fortschrittlich gestimmten Projekt überdeutlich. Es verknüpft unterschiedliche Lebensbereiche und skizziert europäische Zukunft aus Sicht der Künstler: Mit dem London/Kopenhagener Architektenteam „Force4“ werden wir über den Baumwipfeln in gestapelten Glasmodulen wohnen, in guter Luft die Vögel zwitschern hören und über schwebende Stege in die City schreiten. Dort steigen wir in einen Einsitzer ,„Sam“, aus der Werkstatt des Schweizer Designers Marc Freher. Auf drei Rädern rollen wir unter einer bunten Polyethylen-Karosserie elektrogetrieben zur Arbeit.

          Miriam Bäckström, Set Constructions, 1995 - 2002

          Aus dem Augenwinkel nehmen wir am Straßenrand eine Aktion der Belgrader Gruppe „Skart“ wahr: Jedes Hundehäufchen trägt ein Fähnchen. Darauf steht zu lesen: „Your Shit - Your Responsibility“. Ein subversiv-kritischer Ruf, der sich an sattere europäische Gesellschaften als die Serbische richtet. Später werden wir den Rhythmen purzelnder Markenartikel lauschen und zusehen, wie Peter Geschwind und Gunilla Klingberg aus Stockholm klirrende Abfallprodukte der Konsumwelt in Klang- und Videobilder verarbeitet haben.

          Alles offen - nichts ist abgeschlossen

          Kunst, Film, Foto, Tanz, Musik, Architektur, Theater, Design und Video kreisen das Thema der „kulturellen Währung“ spartenübergreifend und multiperspektivisch ein. Neben einigen deutschen Teilnehmern stammen auffallend viele aus den skandinavischen Ländern sowie aus Osteuropa, Belgien und der Schweiz. Ein deutlicher Hinweis, wie sehr sich die europäische Kultur - wie schon vor gut 100 Jahren - wieder von der Peripherie her erneuert.

          Um diesen Innovationsprozessen eine angemessene Bühne zu leihen, hat sich die Baden-Badener Kunsthalle in eine Lounge, einen Club, eine Tanzwerkstatt, eine Bühne für Prototypen, Sounds und Modelle verwandelt. Das Museum verzichtet auf jegliche Geste der Repräsentation. Alles bei „DisSimile“ ist im Werden, tönt, bewegt, entwickelt sich, wie das „Museum für werdende Kunst“, das hier zu Gast ist und das Dauerhafte mit dem Prozesshaften zu verknüpfen sucht.

          Die „SichtBar“ macht den Einstieg leicht

          Am Eingang fungiert die „SichtBar“ vom „Haus für Kunst & Projekte“ als Lounge, die vor allem bei den zahlreichen Veranstaltungen geöffnet ist. Sie lädt zum Trinken und Gesehenwerden ein. Snacks und Cocktails dienen hier weniger dem physischen als dem kommunikativen Wohlbefinden. Das nur halbfertig gebaute Ambiente weist auf ein Fotoprojekt von Miriam Bäckström im Nebenraum voraus: „Set Constructions“.

          Die Schwedin hat Film- und Produktionsteams begleitet und Sets aufgenommen, die im Fernsehen Wirklichkeit vorgeben. Bilder von einem halben Krankenhauszimmer, einem Wartesaal ohne feste Decke, einem Hinterhof, der in einer grob gestrichenen Dachlattenkonstruktion endet. Bäckströms Aufnahmen dechiffrieren vorgespiegelte Filmwirklichkeit. Indem sie sie über die Ausschnitte hinaus, bis zu den rohen Rändern der Pappwandkonstruktionen sichtbar werden lässt, macht sie die Bedingungen sichtbar, den Kontext, in dem Bilder entstehen, von dem auch Boris Groys im FAZ.NET-Interview spricht.

          Wie Bilder entstehen

          Ein Symposium und zahlreiche Film-, Workshop-, Club- und Vortragsveranstaltungen geben den hier angebotenen Projekten in den nächsten Wochen Raum, sich temporär weiter zu entfalten und Entwicklungslinien einer kulturellen Leitwährung zu skizzieren.

          „DisSimile“ verwandelt die Institution Museum in einen Ort, an dem Prozesse in Gang kommen und Reflektion wichtiger wird als Repräsentation. Konventionelle Ausstellungsformen werden überwunden, indem die Künstler die Räume nach ihren Bedürfnissen nutzen können, statt sich ihnen unterordnen zu müssen.

          Ehrwürdige Kunsthalle wieder verjüngt

          Wenige Wochen nach dem ersten Spatenstich für ein zukünftiges Burda-Museum in unmittelbarer Nachbarschaft der Kunsthalle Baden-Baden, das - von Richard Meier gebaut - eine erstklassige Sammlung klassischer Nachkriegsmalerei bergen wird, hat Matthias Winzen, Direktor der Kunsthalle, die ältere Institution in einen der lebendigsten Orte der Bundesrepublik verwandelt, an dem Kunst und Kultur, mit wachem Blick nach vorn, verhandelt wird.

          In dem laufenden Projekt sind Tendenzen abzulesen, wie in Europa heute mit Raum (Architektur, Design), Zeit (Musik, Tanz) und Bildern (Werbung, Fotografie, Video) umgegangen wird. Sichtbar wird in der Tat eine innovative kulturelle Sprache, die pragmatisch, spielerisch und mit großer Offenheit Zukunft im nonverbalen Bereich interessant und überzeugend vor Augen führt.

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