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Ausstellungen zum Friedrichjahr : Sozialistisches Badewasser auf preußischen Dielen

Vom elenden Nest zur Residenz

Nach sieben Monaten Friedrich-Jubiläum, denkt man, dürfte das breite Publikum des Themas müde sein. Aber weit gefehlt. Die Potsdamer „Friederisiko“-Ausstellung (F.A.Z. vom 28. April) meldet einen stetigen Besucherstrom; inzwischen sind zweihunderttausend Eintrittskarten verkauft. Und auch in Erkner und im heute polnischen Küstrin wird der Alte Fritz gefeiert, hier als Gründer des gleichnamigen Kolonistendorfes, dort durch „situationsspezifische Kunstwerke“, mit denen man „Denk-Zeichen“ setzen will, etwa in Form einer zwiegespaltenen Statue, die je zur Hälfte geschniegelter Höfling und uniformierter Kriegsmann ist.

„Die Erfindung (s)einer Stadt“ schließlich will das wiedereröffnete Potsdamer Stadtmuseum im renovierten Rathaus am Alten Markt vom 20. August an zeigen. Wie man vom „elenden Nest“ (Friedrich) zur Residenz wurde, das ist eine Geschichte, die man immer wieder neu erzählen kann, zumal wenn mit Georg Friedrich Prinz von Preußen ein echter Hohenzoller sie unter seine Schirmherrschaft nimmt.

Alter Mann beim Abendessen: Kartoffeln mit Hering entwickelte sich zu einer typischen Mahlzeit für die ärmere Bevölkerung. Bild eines  unbekannten Künstlers, o.J.

Im Schloss Rheinsberg, das sich gerade noch rechtzeitig unter die Gratulanten einreiht, wurde für die Ausstellung „Friedrich ohne Ende“ der Spiegelsaal restauriert - so, wie ihn der Kronprinz geplant und der König ein einziges Mal vollendet gesehen hat. Dass die vier Räume, in denen der Bauherr, der Schriftsteller, der Gatte und der Gartenfreund Friedrich geehrt werden, in den Saalfluchten des von seinem Bruder Heinrich viel stärker und endgültiger geprägten Schlosses förmlich untergehen, lässt sich allerdings ebenso wenig verdrängen wie die Tatsache, dass der im Tucholsky-Museum angesiedelte Ausstellungsteil zu Ruhm und Mythos des Alten Fritz wie ein verkleinertes Remake der themengleichen Schau im Deutschen Historischen Museum Berlin wirkt.

Am interessantesten sind dabei die Dokumente aus den Jahren der DDR, die in Rheinsberg eine Lungenheilanstalt eingerichtet hatte. Die Kranken schliefen in den prinzlichen Gemächern, ihr Badewasser schwappte auf die preußischen Dielen. Auch das ist Rezeptionsgeschichte.

Ein Kapitel im Epos der Kartoffel

Eine der hartnäckigsten Legenden der populären Geschichtsschreibung ist die vom Alten Fritz als Begründer des Kartoffelanbaus in Deutschland. Das Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam hat dieser Legende jetzt eine umfassende Ausstellung gewidmet. Deren fleißige Kuratoren gehen weite und verschlungene Wege, um den Besucher nur nicht allzu rasch auf die unvermeidliche Erkenntnis zu stoßen, dass der Preußenkönig und seine Edikte zur Einführung der „Tartoffeln“ als Feldfrucht und Gartengemüse im großen europäischen Kartoffel-Epos nur ein kurzes Kapitel sind.

Erst unter Friedrichs Nachfolgern setzte sich die Knolle als preiswertes Nahrungsmittel durch, und erst mit der Industrialisierung wurden van Goghs „Kartoffelesser“ zum Inbild der Unterschichtenmahlzeit. Aber im Unterschied zu den späteren landwirtschaftlichen Experimenten der preußischen Reformjunker hat Friedrichs Regulierungswut Spuren in den Archiven hinterlassen. Auch dieser Mythos ist also am Schreibtisch entstanden. Persönlich konnte der Monarch der Kartoffel übrigens nicht viel abgewinnen. Zu seinen Lieblingsspeisen gehörte statt dessen eine dicke Paste aus Maismehl und Parmesan, die in Butter ausgebacken und mit scharf gewürzter heißer Soße übergossen wurde. Selbst unter seinen glühendsten Verehrern käme heute wohl keiner auf die Idee, dieses Gericht nachkochen zu wollen. Lieber legen sie Kartoffeln auf sein Grab in Sanssouci.


 

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