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Ausstellungen : Klopfzeichen durch die Mauer

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"Der Westen profitierte von DDR-Ausweisungen": Ausstellungsleiter Bernd Lindner im F.A.Z. Business-Radio Bild:

„Mauersprünge“ im „Wahnzimmer“: Eine Leipziger Doppelausstellung zeigt deutsche Kunst und Kultur der 80er Jahre. Eine deutsch-deutsche Zeitgeschichte.

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          Udo Lindenbergs Lederjacke und Erich Honeckers Schalmei sind seltsame Wege gegangen. Der Rocker und der DDR-Staatschef hatten sich die Stücke Mitte der 80er Jahre gegenseitig zum Geschenk gemacht. Nach einer Versteigerung landete das schwarz-rote Biker-Utensil zunächst in einem Jugendclub in Rostock und gehört jetzt dem dortigen Stadtmuseum. Das Blasinstrument ist sonst nur in der Lindenberg-Suite im Weimarer Nobelhotel „Elephant“ zu betrachten. Friedlich vereint ruhen Jacke und Schalmei jetzt in einer Vitrine in der Ausstellung „Mauersprünge“ im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig, die an diesem Freitag eröffnet wird.

          Die Schau ist Teil 1 einer ambitionierten Doppelausstellung unter dem gemeinsamen Titel „Klopfzeichen - Kunst und Kultur der 80er Jahre in Deutschland“. Schräg gegenüber ist im Museum der bildenden Künste Teil 2 zu besichtigen: die Ausstellung „Wahnzimmer“. Sie präsentiert aus jenem Jahrzehnt rund 300 Arbeiten von jeweils 39 Künstlern aus Ost und West. Die von Forum und Museum in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung gestaltete Ausstellung ist in Leipzig bis zum 27. Oktober zu sehen. Nächste Station ist Anfang Dezember das Folkwangmuseum in Essen.

          Biermanns zersägter Tisch

          „Die 80er Jahre beginnen in der deutsch-deutschen Kultur eigentlich '76 mit der Biermann-Ausbürgerung“, sagt Kurator Bernd Lindner. In der Folge kam es zu einem dramatischen Aderlass für die DDR-Kultur: Mehr als 350 Künstler verließen das Land in Richtung Westen. Auch im Fall Wolf Biermanns fügt die Ausstellung zwei getrennte Teile wieder zusammen: Noch vor seinem Rausschmiss aus der DDR im November 1976 hatte der Sänger aus einer Laune heraus seinen Arbeitstisch in zwei Teile zersägt - ein Teil war ihm nach Hamburg nachgeschickt worden, der andere bei dem befreundeten Dokumentarfilmer und Maler Jürgen Böttcher in Ost-Berlin geblieben.

          Namhafte Künstler aus Literatur, Kunst, Theater, Film und Musik haben für die Schau ganz persönliche Exponate zur Verfügung gestellt. „Wir wollen die gegenseitige Bereicherung von damals dokumentieren, die leider schon wieder vergessen ist, und hoffen, das wiederzubeleben“, sagt Lindner.
          Nach 13 Jahren Verhandlungen - ein riesiger Stapel Akten kündet davon - trat 1986 das Kulturabkommen zwischen der DDR und der Bundesrepublik in Kraft. Damit wurden wechselseitig Literaturwochen oder Kunstausstellungen möglich. Aber gebraucht wurde es eigentlich nicht mehr: Private Kontakte zwischen Künstlern in Ost und West funktionierten auch ohne den offiziellen Segen.

          Die verschlungenen Wege der Kunst

          Wenn auch oft auf recht verschlungenen Pfaden. Grafiken des Malers Hubertus Giebe zu Günter Grass' „Die Blechtrommel“ gelangten über Werner Schmidt, seinerzeit Chef des Kupferstichkabinetts in Dresden, zu dem (West)-Berliner Verleger Wolf Jobst Siedler und schließlich zu dem Autor. Grass war begeistert, wie in einem der vielen Briefe zu lesen ist, die beide Künstler fortan wechselten. 1991 erschien dann eine bibliophile Ausgabe des Romans mit den Grafiken Giebes.

          Der Gang durch die „Mauersprünge“ ist teils amüsant und ruft nostalgische Gefühle wach. Bei BAP-Fans aus dem Osten etwa, wenn sie die bereits angefertigten T-Shirts für die 1984 schon festgezurrten Konzerte der Kölsch-Rocker zu Gesicht bekommen. Weil Niedecken und Co. sich nicht der Zensur beugten, wurde das Gastspiel abgesagt. Der BAP-Chef bekam von traurigen Ost-Fans rund 100 Briefe, aus denen er ein fantasievolles Kunstwerk machte, das ebenfalls zu sehen ist.

          Extreme Ich-Positionen

          Im Bildermuseum wird in der Ausstellung „Wahnzimmer“ nach Angaben der Veranstalter erstmals Kunst der 80er Jahre aus Ost- und Westdeutschland in unmittelbarer Nachbarschaft gezeigt. Es begegnen sich Arbeiten aus Kunstzentren wie Dresden, Düsseldorf, Hamburg, Leipzig, Köln und Berlin in all ihren facettenreichen Strömungen. Das Spektrum reicht von Malerei und Grafik über Fotografie und Film bis hin zu Installation und Performance.

          Als eine Art Überblicks- oder gar Leistungsschau des Jahrzehnts verstehe sich „Wahnzimmer“ nicht, betont Museumsdirektor Hans-Werner Schmidt. Vertreten sind zwar auch etablierte Künstler wie Beuys und A.R. Penck. „Wir zeigen bewusst zuerst Künstler, die nicht in offiziellen Austauschprogrammen waren oder zu abwegig und damals erst die Plattform betraten.“ Bei allen formalen Unterschieden sei den Arbeiten jener Zeit aus Ost und West eines gemeinsam: „Sie zeigen das Ausbrechen aus Zwängen und extreme Ich-Positionen.“ Und sie verweigerten sich auf der westlichen Seite dem Kunstmarkt, auf der östlichen dem ideologischen Diktum von Kunstkommissionen.

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