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Ausstellung : Zwischen dem Begehren und dem Nichts: "Frequenzen [Hz]" in der Schirn

"Frequenzen [Hz]" in der Frankfurter Schirn: eine Ausstellung zwischen Klang und Körper, technoider Kühle und sinnlicher Unmittelbarkeit.

          Klinisch, in Weiß- und leuchtend-hellen Blautönen schimmert das umgestaltete Foyer der Frankfurter Schirn. Max Hollein, neuer Direktor der Schirn-Kunsthalle, präsentiert die erste Ausstellung seiner Amtszeit, die von Jesper N. Jørgensen kuratiert wurde. "Frequenzen [Hz]" hat er sie genannt, sie zeigt künstlerische Positionen - Installationen und Performances - aus dem Grenzbereich zwischen Klang und Körper.

          Klinisch wirkt auch der eigens umgestaltete Ausstellungsraum, in dem der Zuschauer wie in Mäandern an den Arbeiten vorbei geführt wird. Die Wände sind größtenteils mit Schall dämmendem, crémeweißem Schaumstoff gepolstert, in den die Erläuterungen zur Kunst farblos eingedruckt sind. Eine beklemmende Atmosphäre, die noch durch die Klänge verstärkt wird, die von den verschiedenen Installationen ausgehen.

          Viele der für die Ausstellung ausgewählten so genannten "Sound Art"-Künstler arbeiten mit Sinustönen aus dem Hoch- oder Niederfrequenzbereich, also an den Grenzen der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit. Genauer gesagt, an den Grenzen des menschlichen Hörspektrums, denn auch Klänge unter 20 und über 20.000 Hertz können wir fühlen, nur nicht mehr als akustische Signale erkennen.

          Versuchsreihe

          Eine Arbeit des Berliner Künstlers Carsten Nicolais, die im vergangenen Jahr bereits auf der Biennale in Venedig zu sehen war, eröffnet die Ausstellung. "Frozen Water" zeigt zwei mit Wasser gefüllte Glaskolben unterschiedlicher Größe. Davor stehen zwei mit Basslautsprechern bestückte Kunststoffröhren, die tief brummende Niederfrequenztöne von sich geben. Dieses körperlich spürbare Brummen bewirkt, dass sich die Wasseroberfläche in dem kleineren Gefäß kräuselt, während sie im größeren nahezu still zu stehen scheint.

          Zweierlei macht diese Installation sichtbar: Die technische Apparatur, mit der der Klang erzeugt und aufgefangen wird, erinnert an den Versuchsaufbau in einem Labor. Dabei markiert "Frozen Water" einen Elementensprung: Von der akustischen Luft- zur sichtbaren Wasserwelle.

          Nicolais eigenes OEuvre steht auch für die speziellen Arbeitsweisen einer Reihe der vorgestellten Künstler: Als Bildender Künstler, als Musiker und Produzent elektronischer Musik und als Betreiber des Labels Raster-Noton ist seine Position ähnlich uneindeutig wie die Zugehörigkeit seines künstlerischen Werkes zu einem bestimmten Genre. Für "Frequenzen [Hz]" hat der 36-Jährige auch das Performance-Programm kuratiert. Max Hollein bezeichnet dieses Beiprogramm ausdrücklich als integralen Bestandteil des Projektes. Er will es nicht als Rahmenprogramm zur Ausstellung verstanden wissen. An fünf Wochenenden bis in den März hinein kommen Acts wie Errorsmith, Fennesz oder Monolake zu Konzerten und Performances nach Frankfurt.

          Tanzfläche

          Dass Klang Raum bilden kann, ist eine Grundlage vieler ausgestellter Positionen. Das Materielle, Sichtbare der Installationen steht bei diesen Installationen rein funktional im Dienst des Klangs. Dadurch wirkt die Ausstellung technisch und karg. Verstärkt wird dieser Eindruck noch dadurch, dass gepolsterte Wände Sounds abschirmen - was ihnen nicht überall gelingt.

          Die Installation der Kanadierin Angela Bulloch "Geometric Audio Merge" ist einer der wenigen Ausbrüche in rhythmisch strukturierte Klangbereiche: Eine Gruppe quadratischer Leuchtboxen - Pixel-Boxen - wechseln zu Disco-Musik ihre Farben. Liegend wirken sie wie eine von unten bunt beleuchtete Tanzfläche. Die Anordnung definiert einen Raum, die Musik verweist auf eine Funktion, aber die Gesamtinstallation wirkt so fragil, dass zugleich klar wird, dass man sie nicht benutzen kann. Offen bleibt, ob die Farbveränderungen von der Musik oder von Bewegungen der Betrachter abhängen und wie alles miteinander zusammenhängt.

          Augenblick

          Der Zwiespalt zwischen technoider Kühle und sinnlicher Unmittelbarkeit wird in der Ausstellung mit einer Arbeit der dänischen Künstlerin Ann Lislegaard auf die Spitze getrieben: In der Installation "!" wird ein roter Lichtstrahl auf einen Spiegel gerichtet. An der gegenüber liegenden Wand entsteht ein roter Lichtfleck, der im Atemrhythmus pulsiert. Hörbar ist ein leichtes Stöhnen oder Seufzen, das zwischen den Atemzügen entsteht. Die Installation, erläutert der in den Schaumstoff der Wand gedrückte Text, markiere "den orgiastischen Augenblick zwischen dem Begehren und dem Nichts".

          Die gesamte Ausstellung, könnte man meinen, markiert einen Augenblick zwischen Begehren und Nichts. Zwischen Behauptung und Negation, Unterschwelligem und Übersinnlichem, Künstlichkeit und Sinnlichkeit. Sie verspricht Anstrengung und ist ein physisch spürbares Erlebnis, ohne lange nachzuklingen.

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