https://www.faz.net/-gqz-7gxw3

Ausstellung zur Kindheit in der Steinzeit : Herr Lehrer, was bedeutet eigentlich „homo“?

  • -Aktualisiert am

Spielen mit den Raubtierschädeln, Wollnashörner grasen im Tal: So stellte sich der Maler Burian die Steinzeit in seinem Weltbestseller „Menschen der Urzeit“ 1977 dar Bild: Museum

In der Steinzeit waren vierzig Prozent der Bevölkerung Kinder. Eine Ausstellung im Neanderthal Museum in Mettmann fragt, wie sie lebten. Für Kinder eine Enttäuschung vorab: Es gibt Hinweise, dass sie sich die Zähne putzten.

          2 Min.

          Heute, in der Neuzeit, etwa 40 000 Jahre später, gibt es im Neandertal alles, was es anderswo gibt: ein Casino, eine Tanzschule, eine Sparkasse, einen Friseur oder einen Autohändler. Lustig ist das deshalb, weil man sich wie in der Serie „Flintstones“ fühlt, wenn man mit dem Bus durch das Neandertal fährt und überall „Neandertaler“ draufsteht, aber nur die moderne Welt drin ist - mit Technik, Komfort und dem berühmten Neanderthal Museum. Das 1996 eröffnete Haus zählt jährlich 170.000 Besucher, darunter zahlreiche Kinder, die zum Beispiel solche Fragen im Museum an ihren Lehrer stellen:
          „Herr Michel, was bedeutet denn eigentlich ,homo’?“
          Herr Michel (misstrauisch): „Das kommt ganz darauf an.“
          Schüler: „Na hier - ,Homo sapiens’?“
          Herr Michel (erleichtert): „Dann heißt es Mensch. Lateinisch.“

          Kultgegenstände, Talismane und Kinderspielzeug

          Eine solche Unterhaltung ist keine schlechte Einleitung für den Besuch eines Museums, in dem ausgestellt wird, was umgangssprachlich „Urzeit“ heißt. Die „Urzeit“ nämlich galt lange als Garten Eden von Ultrakonservativen, die ohnehin glaubten, früher sei alles besser gewesen, und deshalb war es ganz früher natürlich am allerbesten. In diesem Paradiesgärtlein der Reaktionäre herrschten Männer unangefochten wie Tyrannosaurus rex, Frauen kamen nicht auf die Schnapsidee zu arbeiten, es gab keine Homo-Ehe, nur „Homo sapiens“, und wer diskutieren wollte, der kriegte eins aufs Maul.

          Inzwischen hat sich zum Glück viel getan, wie jeder sehen kann, der das Neanderthal Museum in Mettmann besucht. Der Neandertaler, so lautet hier die grundlegende Einsicht, war kein roher Schädelzertrümmerer - und die Frühzeit des Menschen steckt ebenfalls voller Überraschungen. Für diesen Sommer hat man sich etwas Besonderes ausgedacht: eine Ausstellung über „Steinzeitkinder“. In Deutschland sind nur 13 Prozent der Bevölkerung Kinder, in der Steinzeit, glaubt die Forschung heute, waren es rund vierzig Prozent. Wie lebten diese Kinder damals? Die beiden größten Enttäuschungen vorab: Es gibt Hinweise, dass sie sich die Zähne putzten, Schabspuren an Schädelfunden könnten davon zeugen.

          Ein Kinderspielzeug? Das Elfenbeinpferdchen aus der Vogelherdhöhle

          Und der Blockflötenunterricht war nicht ausgeschlossen. Die älteste Flöte stammt aus Süddeutschland, geschnitzt aus dem Flügelknochen eines Gänsegeiers, das Alter wird auf etwa 40.000 Jahre geschätzt. Vielleicht galten diese Artefakte als zu wertvoll, um Kinder damit spielen zu lassen. Vielleicht hatten aber ebendiese Kinder handwerkliche Fähigkeiten, die damals selbstverständlich waren und erst in modernen Zeiten verlorengingen. Abdrücke von Kinderhänden finden sich jedenfalls auf gekneteten Lehmfiguren, die Tiere darstellen, womöglich wurden sie sogar von Kindern gefertigt. Waren sie Kultgegenstände, Talismane oder - so die neue, in der Ausstellung vorgestellte Theorie - Kinderspielzeug? Zu den berührendsten Schaustücken gehört die Replik eines steinzeitlichen Kindergrabs. Wer damals trauerte, werden wir nicht erfahren. Dass getrauert wurde, zeigt das reich geschmückte Grab eindrucksvoll.

          Das sind aber die Fragen, die Erwachsene interessieren. Kinder können in der Zwischenzeit beispielsweise Folgendes in der Ausstellung tun: einen Steinzeitrucksack schultern, sich wie ein Eiszeitkind kleiden, ein dreidimensionales Tierpuzzle zusammensetzen oder in einem Zelt spielen. Kinderführungen werden auch angeboten. Bei einem abschließenden Fragequiz, bei dem das Leben in der Steinzeit mit dem heutigen verglichen wird, können wiederum auch Erwachsene Erstaunliches erfahren. Das Ergebnis des Quiz für die Autorin dieser Zeilen jedenfalls lautete: „Sie hätten sich in der Steinzeit wohl gefühlt.“ Bestens.

          Weitere Themen

          Die Lunge im Kirchenfenster Video-Seite öffnen

          Göttlicher Odem : Die Lunge im Kirchenfenster

          Ein katholisches Gotteshaus in München brauchte neue Glasfenster. Zum Zug kam ein Künstler, der ein Stück Medizinalltag in ein Symbol für Leben und Vergänglichkeit verwandelte.

          Wie hässlich darf Außenpolitik sein?

          TV-Kritik: Anne Will : Wie hässlich darf Außenpolitik sein?

          Der Feldzug der Türkei gegen die Kurden stellt die Welt vor vollendete Tatsachen. Das außenpolitische Establishment des Westens ist entsetzt. Was sind die Folgen? Was wäre zu tun, und durch wen?

          Topmeldungen

          Eine Familie flieht am Samstag auf einem Motorrad aus der Region um die Stadt Ras al Ain.

          Nordsyrien : Kurden räumen Grenzstadt zur Türkei

          Die brüchige Waffenruhe nutzen kurdische Einheiten zum Rückzug aus einer umkämpften Stadt. Außenminister Maas nennt den türkischen Angriff völkerrechtswidrig, und in der Nato schließt unter anderem Deutschland den Bündnisfall aus.
          Bundeswehrsoldaten während der Übung BWTEX („Baden-Württembergische Terrorismusabwehr Exercise“) bei Stetten am kalten Markt.

          Anti-Terror-Übung : Rettung aus der roten Zone

          Bei der bisher größten gemeinsamen Übung von Bundeswehr und Polizei probt man in Baden-Württemberg gemeinsam für den Ernstfall eines Terror-Anschlags. Neben Polizeibeamten und Soldaten sind auch Mitarbeiter ziviler Krankenhäuser involviert.
          Unsere Sprinter-Autorin: Ilka Kopplin

          F.A.Z.-Sprinter : Die Brexit-Saga geht weiter

          Für die Londoner Parlamentarier steht an diesem Montag der Brexit abermals auf der Tagesordnung. Und auch in Kanada verspricht die Wahl ein Krimi zu werden. Was sonst noch wichtig wird, steht im F.A.Z.-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.