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Ausstellung zur Kaiserpfalz : Wo Franken Furten querten

  • -Aktualisiert am

Das karolingische Mauerwerk wurde effektvoll ausgeleuchtet. Bild: Wolfgang Eilmes

Unter dem Frankfurter Stadthaus ist ein neuer Ausstellungsraum entstanden. Dort erhalten die Besucher einen Eindruck von den Anfängen der Stadt.

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          Archäologische Ausstellungen sind häufig Materialschlachten mit Exponaten im Setzkastenformat. Immer wieder Pinzetten oder Pfeifenköpfchen, Bronzefibeln oder Äxte. Das Ergebnis der randvollen Vitrinen: gefühlte Beliebigkeit und erschlagene Besucher. Beim neuen Ausstellungsraum zwischen der Frankfurter Schirn und dem Dom liegt der Fall anders. Wenige Schaukästen mit ausgewählten Ausgrabungsfunden lenken nicht ab von dem, was hier eigentlich im Mittelpunkt steht: eine frische Perspektive auf die Anfänge der Stadt. Der ehemalige Archäologische Garten, in dem von 1972 an architektonische Reste aus der Zeit von den Römern bis ins Spätmittelalter freigelegt wurden, ist nun, nach sechs Jahren Bauzeit, überdacht und umbenannt: „Kaiserpfalz franconofurd“.

          Kai Spanke
          Redakteur im Feuilleton.

          Als Pfalz bezeichnete man im Mittelalter eine Wohnanlage, die als Stützpunkt für reisende Könige diente. So informiert gleich am Haupteingang eine Tafel über die Bedeutung der Pfalzen für die Reiche der Merowinger und Karolinger in den Jahren von 500 bis 900. Am gegenüber liegenden südlichen Eingang gelangt der Besucher auf einen Balkon, von dem aus das ganze Areal überblickt werden kann. Dort ist auch zu lesen, was es mit dem Wort „franconofurd“ auf sich hat. Dabei handelt es sich um die Frühform des heutigen Stadtnamens Frankfurt; sie bedeutet „Furt der Franken“ und bezieht sich auf den Mainübergang an der heutigen Alten Brücke. Zum ersten Mal wurde die Bezeichnung 764 oder 794 auf einem Stück Pergament festgehalten.

          Neben dem westlichen Eingang widmet sich eine große Tafel den drei für Frankfurt wichtigsten karolingischen Herrschern. Im Herbst 793 ist Karl der Große am Königshof „franconofurd“ eingetroffen, um den Winter dort zu verbringen und im Frühjahr Ostern zu feiern. Auch die Große Synode von 794 mit Beschlüssen zu Religion, Wirtschaftspolitik und Rechnungswesen wurde vor Ort abgehalten. Sein Sohn, Ludwig der Fromme, ist der Bauherr der Pfalz. Der Auftrag erfolgte wahrscheinlich 815, die Fertigstellung 822. Ludwig der Deutsche, Karls Enkel, ließ 855 die Pfalzbasilika unter dem heutigen Dom bauen.

          Auch die Rekonstruktion eines römischen Rundbades ist in der Ausstellung zu sehen.
          Auch die Rekonstruktion eines römischen Rundbades ist in der Ausstellung zu sehen. : Bild: Wolfgang Eilmes

          Das Herzstück der Anlage, die Königshalle, ist zugleich der Mittelpunkt der vom Archäologischen Museum betreuten Ausstellung. Erhalten sind unter anderem ein römisches Bad, das um das Jahr 75 errichtet wurde, Pfeiler und Säulen aus Sandstein und Basalt sowie Teile der Süd- und Westwand. Die Mauern, auf denen die Menschen zur Zeit des Archäologischen Gartens sitzen, laufen und Snacks einnehmen durften, sind inzwischen restauriert. Und im Gegensatz zu damals können sich die Besucher auf Displays und einem Videobildschirm über die Anlage informieren. Am imposantesten sind zwei große fotorealistische Bilder. Das eine zeigt eine römische Straßenstation, wie sie um 150 auf dem heutigen Domhügel errichtet wurde, das andere die karolingische Pfalzanlage um 860.

          Das mit goldenen Messingrauten verzierten Dach der Königshalle ragt in den Veranstaltungsraum des Stadthauses. Obwohl ein massiver Kubus, erscheint das architektonische Gesamtensemble aus zahlreichen Fenstern, breiten Gängen und indirekter Beleuchtung doch luftig und entzerrt. Fällt das Sonnenlicht im richtigen Winkel auf die Anlage, werfen etliche Fenstersprossen ihre langsam wandernden Schatten auf die weiß verputze Wand der Nordseite: Ein bescheidener, aber wirkungsvoller ästhetischer Effekt, der dem Raum gut ansteht. Mehr braucht es gar nicht, denn diese kostenlos begehbare Ausstellung lebt von der ungezwungenen Konzentration auf einen Ort, der aufgeladen genug ist. Immerhin hat von hier aus auch die Entwicklung Frankfurts als Handelsstadt ihren Anfang genommen.

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