https://www.faz.net/-gqz-96t2c

Stalin-Kult in Deutschland : Der Diktator röhrt im Zoo

Blick in die Ausstellung in der Gedenkstätte Hohenschönhausen Bild: dpa

Eine Ausstellung in Hohenschönhausen beleuchtet den Stalin-Kult in Deutschland. Fotografien und Filme veranschaulichen das Wirken des Politikers, der das Land nicht weniger als dreißig Jahre lang beschäftigte.

          4 Min.

          Oft geschrieben, dennoch nicht falsch: Fährt man in den Nordosten Berlins zur Gedenkstätte Hohenschönhausen, wird einem mit jedem zurückgelegten Kilometer mulmiger ums Herz – der Planentwurf dieser Trabantenstadt könnte in seiner bleiernen Stimmung auch von Edward Hopper gemalt worden sein, und ihre Plattenbauten kanalisieren den Weg, indem sie zu den Seiten keinen Ausweg erkennen lassen. Die endlosen Balkonreihen glotzen wie neugierige Augen. Es wirkt, als hätte die Staatssicherheit, die hier oben am Rand der Stadt ihre weitläufigen Gefängnistrakte hatte, den psychisch mürbe machenden Anfahrtsweg bis in die Verhörzelle mit einberechnet, auch wenn die Plattensiedlungen am Höhepunkt der Verhöre in der Nachkriegszeit noch nicht errichtet waren.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          In diesem immer auch auf bildliche Einschüchterung bedachten Ostberliner Guantánamo, der heutigen Gedenkstätte Hohenschönhausen, ist die Sonderausstellung „Der Rote Gott – Stalin und die Deutschen“ zu sehen: Sie arbeitet mustergültig den politischen Einfluss Stalins auf Deutschland heraus. Überraschend dabei ist, dass die Schau es nicht bei den acht Jahren von Kriegsende 1945 bis zu Stalins Tod 1953 belässt. Vielmehr zeigt sie, dass Stalin seit der Erringung der Alleinherrschaft in der Sowjetunion Ende der zwanziger Jahre bis zu der späten Abwendung der SED erst acht Jahre nach seinem Tod, nicht weniger als dreißig Jahre lang Deutschland beschäftigte – damit war Stalin annähernd ein Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts der weiße Elefant im Land.

          Revolutionär aber ist, dass die Ausstellung dies schlüssig über Bildzeugnisse darlegt, die in dieser Zusammenstellung noch nie zu sehen waren: Stalin, der nur einmal leibhaftig zur Potsdamer Konferenz in Deutschland war, und dann, ungesehen von der großen Öffentlichkeit, als eminent suggestiver Bildpolitiker. Selbst die Fotografie der vier Potsdam-Alliierten lässt er auf sich allein beschneiden und in Schloss Cecilienhof als Stellvertreterbild ausstellen und wachen.

          Erstaunliche Kontinuitäten bei den Herrscherbildern

          Wenig verwunderlich, dass George Orwells Dystopie „1984“ mit den allgegenwärtigen Bildern des Big Brother, der alles und jeden beobachtet, ihre Wucht vor allem aus der präzisen Beschreibung des Stalinschen Bilderterrors zieht: „Wie viele Finger sehen Sie, Winston?“ Eher schon verwunderlich, dass die Ausstellung keinen Platz für die deutsche Rezeption Orwells als Anti-Stalinisten einräumt.

          Besonders Stalins Kult in der frühen DDR musste – schon wegen dessen leiblicher Absenz – vor allem über Bilder agiert werden. Die Schau dokumentiert, wie die ostdeutsche Bevölkerung ab 1945 mittels ständiger massensuggestiver und neureligiöser Prozessionen, Denkmäler und überlebensgroßer Porträts auf Stalin als Über-Vater und neuen Führer eingeschworen werden sollte. Der häufig gebrauchte Stalin-Titel „Führer“ ist dabei keine Verwechslung, wie die Ausstellung wiederum an Titelblättern zeigen kann. Stalin selbst ließ sich zwar bereits ab 1929 in deutschen KPD-Magazinen mit dieser Übersetzung des russischen „Woschd“ titulieren, aber auch ungebrochen nach dem Zweiten Weltkrieg in der ostdeutschen Propaganda; ebenfalls nach 1945 verstärkt im Umlauf waren seine Propaganda-Ehrentitel „Größter Feldherr aller Zeiten“ und „Generalissimus“.

          Auch was die Herrscherbilder anlangt, zeigt die Schau bemerkenswerte Kontinuitäten: Die erste ganzfigurige Stalin-Statue eines deutschen Bildhauers schuf Johannes Friedrich Rogge. Er war zuvor für seine Hitler-Büsten bekannt, und so weist sein Standbild für Riesa im Bezirk Dresden einen auffälligen, wenn auch zu einem hölzernen Winken abgewandelten Gruß der rechten Hand auf. Die mit fast fünf Meter Höhe größte Stalin-Statue auf deutschem Boden an der Stalinallee steckt als „genialer Feldherr“ wie Napoleon und Nachfahren seine rechte Hand in die Uniform; gestellt wurde dieses bronzene Ehrenmal auf einen ebenfalls überdimensionierten Travertin-Sockel, dem Lieblingsmaterial des vorangegangenen „Führers“.

          Weitere Themen

          Das höchste Gut

          FAZ Plus Artikel: Recht und Würde : Das höchste Gut

          Nicht das Leben als solches will unsere politische Gemeinschaft um jeden Preis schützen, sondern das Leben in Würde. Daraus ergibt sich das Recht, in einer Gesellschaft zu leben, die anders aussieht als die von Nordkorea. Gastbeitrag eines Frankfurter Rechtsphilosophen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.