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Historische Tanzwut : Der innere Kitzel des Hopsens und Zappelns

  • -Aktualisiert am

Tanz-Compagnie, wie Albrecht Dürer sie 1493 sah Bild: Musées de Strasbourg, Mathieu Bertola

1518 entbrannte in Straßburg ein Tanzfieber: Hunderte Menschen konnten nicht mehr aufhören, sich zu drehen. Was löste diesen Veitstanz aus? Eine Ausstellung entmystifiziert die Choreomanie.

          Zur Eröffnung der Ausstellung „1518. La fièvre de la danse“ choreographierte Mark Tompkins auf dem schönen Platz zwischen Kathedrale und der alten Münsterbauhütte, in der heute das Musée de l’OEuvre Notre-Dame für mittelalterliche Geschichte untergebracht ist, seine Version des Straßburger Tanzfiebers: Achtzig Tänzer in historischen Kostümen drehen sich selig im Kreis, ehe sie plötzlich in ekstatisches Stampfen, Rennen und Springen verfallen. So mag es begonnen haben in jenem heißen Sommer vor fünfhundert Jahren.

          Am 15. Juli 1518, so berichten die – allerdings unzuverlässigen – Chroniken von Specklin und Wencker, hub eine Frau Troffea zu tanzen an. Männer, Frauen, Kinder schlossen sich ihr an, am Ende waren es mehr als vierhundert „Dantzer“, die nicht mehr aufhören konnten, sich zu drehen. Es waren vor allem Arme, Tagelöhner, Knechte; aber auch ehrbare Frauen und brave Kinder folgten dem Ruf der Trommeln und Dudelsäcke. Karle Schensleben musste so seinen Sohn, Hans Eckhart seine Tochter Apollonia ziehen lassen; selbst der Barfüßer-Schulmeister konnte seinen Bernhard nicht mehr halten, wie die verzweifelten Väter dem Stadtschreiber Sebastian Brant zu Protokoll gaben. Behörden, Klerus und Ärzte waren ratlos. Waren es das heiße Blut, die in der Juli-Hitze aufgekochten Säfte, die das Volk toll machten? War es ein böser Geist, ein „Tanzteuffel“ aus Brants „Narrenschiff“, eine von giftigen Getreidepilzen verursachte Epidemie? „Tausend Jahre soll man sich an diese Ereignisse erinnern“, forderte der Humanist Hieronymus Gebwiler, „und die Tänze beschränken, vor allem die unzüchtigen und lasterhaften.“

          Straßburg war weder der erste noch der letzte Fall von Choreomanie im Spätmittelalter, aber es ist der wohl am besten dokumentierte. 1374 etwa begannen entlang des ganzen Rheins „die Leut an zu danzen und zu rasen“, 1463 im elsässischen Obernai. Auch die Neuzeit ist reich an Rattenfänger-Umtrieben und Let’s-Dance-Hysterien, Walzerrausch und Tangofieber. 1967 fühlte sich das Deutsche Ärzteblatt von Beat- und Rockmusik an Veitstänze erinnert. Ungeachtet dessen tanzten die Raver, befeuert von Drogen und Bässen, auf Love-Paraden und im Berghain bis zur totalen Erschöpfung. „Alles dreht sich um mich her / die Welt versinkt im Farbenmeer / wenn ich tanze / mit dir tanze“ heißt es im Veitstanz-Hit von Subway to Sally.

          „Tanzender Tod“, Holzskulptur, um 1520

          Neuere Fälle von Tanzfieber spielen im Liebfrauenmuseum keine Rolle. Die Ausstellung endet mit Charcots Psychiatrisierung des Diskurses im neunzehnten Jahrhundert und streift nur am Rande neuere Studien wie John Wallers „A Time to Dance, a Time to Die“ (2008) oder Georg Rohmanns Deutung der „Tanzwut“ (2013) als „kultisch gebilligte Ausdrucksform“ einer heilsgeschichtlichen Verzweiflung. Dafür räumt Kuratorin Cécile Dupeux mit vielen Mythen auf, die sich zum Teil bis heute hartnäckig halten. Jean Teulé etwa witterte in seinem Roman „Entrez dans la dance“ (2018) noch kürzlich Kindermord und Kannibalismus in Straßburg.

          Das sind Schauermärchen. Die „Tanzwut“ wurde von den Zeitgenossen als „großes Unglück“ (Brant) empfunden, aber nicht als Katastrophe oder gar apokalyptisches Zeichen. Kein Tänzer hatte, so viel wir heute wissen, Schaum vor dem Mund, keiner starb vor Erschöpfung. Die weltlichen Obrigkeiten reagierten besonnen, die Kirche hielt sich mit Moralpredigten zurück. 1518 war das Wetterleuchten von Reformation und Bauernkriegen auch in Straßburg zu spüren, aber es gab in der reichen, wohlgebauten und -regierten Stadt weder Hungersnöte noch Bundschuh-Verschwörer. Und natürlich auch keine Madame Troffea. Die Frau, die schamlos und frech auf der Straße tanzt, um sich an ihrem groben Mann zu rächen, ist, wie der Historiker Georges Bischoff im Katalog nachweist, eine allegorische Figur, von Paracelsus erfunden. Paracelsus’ (Fern-)Diagnose des Tanzfiebers als psychosomatische Geisteskrankheit markierte einen Paradigmenwechsel in der Medizingeschichte. Anders als die ältere Humoralpathologie sah er nicht kochende Säfte, ungünstige astrologische Konstellationen oder gar Dämonen am Werk, die man mit Moos aus der Gehirnschale Gehenkter oder Exorzismen austreiben müsste – es war eine natürliche, beherrschbare Krankheit.

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