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Musikvideos als Kunst : Auf dem Körper gespielt

In der Gebläsehalle triff alte Maschinerie auf moderne Erzählkunst in bewegten Bildern: Blick in die Ausstellung der Völklinger Hütte. Bild: dpa

Betörende Bilder, beschwörende Rhythmen von Andy Warhol bis Billie Eilish: Die Völklinger Hütte zeigt die bislang größte Ausstellung zu Musikvideos weltweit.

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          Theodor W. Adorno hätte diese Ausstellung wohl nicht gefallen: Auf 61 Großleinwänden und Monitoren flackern in der kathedralhohen Gebläsehalle des Weltkulturerbes Völklinger Hütte einige der berühmtesten Musikvideos der Filmgeschichte. Sind Musikvideos doch, adornitisch betrachtet, Produkte der „Kulturindustrie“, schlimmer noch: ablenkende Bebilderungen von Musik (auch noch U!), die zum Zwecke der Bewerbung einer Band angefertigt wurden.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Genau darum sind Musikvideos aber auch erzählerische Historiengemälde in Bewegtbildern. Bewunderte Interpreten treten in ihnen auf, doch nur in den seltensten Fällen beim drögen Performen ihres Songs (die Kategorie Live-Concert-Videos bleibt in Völklingen zu Recht ausgespart). Die Kunst ist das Erschaffen eigener Bildwelten. Die Bandmitglieder erscheinen zwar oft in ihnen, aber ebenso wie die in Bilder umgemünzten Texte in verwandelter Form. Die meisten Regisseure setzen alles daran, keine bloßen Illustrationen von Liedtexten zu liefern, vielmehr Bilder parallel zum Text, die eine zweite Ebene erschaffen.

          Meist überraschen diese Meta-Bilder die Sänger und Liedtexter, bisweilen stellt sich zufällig nach dem Drehen – wie bei dem Video „Spokes for the Wheel of Torment“ der Band Buckethead – heraus, dass sowohl der Sänger beim Verfassen des Textes Bilder von Hieronymus Bosch vor Augen hatte, ohne dies im Liedtext auch nur zu erwähnen, als auch der Regisseur an die apokalyptischen Bildwelten des Malers denken musste. Das Resultat sind zum Leben erweckte Bosch-Hybride, deren Körper zum Instrument werden und die auf Sehnen als Gitarrensaiten musizieren.

          Wie um Adorno noch postum zu ärgern

          Und obwohl die Geschichte der Kunst voller Rhythmik steckt und insbesondere der Barock die Bilder zum Klingen brachte, ist die vollkommene Verzahnung von Bild und Ton erst den Musikvideos gelungen. Eigentlich hätte man als Start der Schau Lotte Reinigers perfekt synchronisierten Silhouetten-Animationsfilm „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ aus dem Jahr 1926 erwartet oder ihr Erstlingswerk „Ornament des verliebten Herzens“ von 1919, gern auch ein anderes der vielen packenden Bild-Ton-Experimente der Zwanziger.

          Farbenfrohe Psychedelik aus der Ära der frühen Musikfilme: Len Lyes „Rainbow Dance“ von 1936. Bilderstrecke
          Musikvideos im Stahlwerk : Das ist doch ein Love-Song!

          Aber wie um Adorno noch postum zu ärgern, beginnt die Schau mit dem englischen Kurzfilm „Rainbow Dance“ von Len Lye aus dem Jahr 1936, der angesichts seiner psychedelischen Buntfarben und der semiabstrakten Formen und Figuren allerdings auch den Sechzigern entstammen könnte. Erst am Ende dieser enorm beschwingten Sinfonie der Kleinstadt – der Film spielt überwiegend auf dem Lande – erscheint diskret die beworbene Britische Post. Durchaus charakteristisch für Musikvideos: Spätestens nach dreißig Sekunden hat man bei den guten vergessen, dass es sich ursprünglich um Werbung für Musikkapellen auf einst eigens zu diesem Behufe geschaffenen Sendern wie MTV oder Viva handeln sollte. Längst schon gibt es dafür weit größere Plattformen im Internet, Kanäle wie Vimeo, auf denen wiederum andere Künstler Parallelvideos zu den „offiziellen“ einstellten. Das Musikvideo ist mithin eine eigene Kunstform, die einen ganzen Kosmos in Kürzestform aufreißt.

          Noch jedem TikTok-Nachgehopse überlegen

          Formal gibt es in diesem Medium zwei Arten Regisseure: auf die kurzen, nur selten länger als die Lieder gedrehten Musikvideos spezialisierte und berühmte Langfilmregisseure, die immer mal wieder das Format und der Kitzel des Rhythmisierens von Bildern reizt – und herausfordert: Eines des formvollendetsten Werke in dieser Hinsicht, „Elektrobank“ von 1997, stammt vom amerikanischen Regisseur Spike Jonze, gedreht für die Band „The Chemical Brothers“. Eine Bodenturnerin (die junge Sofia Copolla, die statt bedeutende Regisseurin auch hätte Profi-Turnerin werden können) steht im entscheidenden Punktwettbewerb gegen ihre sie neidisch wie Tonya Harding beäugende Konkurrentin. Bei der ersten Kür verletzt sie sich den Knöchel, was eigentlich das Aus bedeutet. Ermutigt und angestachelt von der treibend unterlegten Elektro-Musik, setzt sie sich jedoch über die Schmerzen hinweg.

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