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Kunst und Spione in Frankfurt : Das Leben der Andersartigen

Unbeugsam trotz Stasi-Terror: Cornelia Schleimes „Ich halte doch nicht die Luft an“ von 1982. Bild: Schirn Kunsthalle

Niemals schlafen, alles sehen, für immer festhalten: Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt ist der strukturellen Ähnlichkeit von Agententum und Künstlerschaft seit dem Kalten Krieg auf der Spur.

          5 Min.

          Vor kurzem sah man in einer Fernsehreportage den Whistleblower Julian Assange in seinem Asyl der ecuadorianischen Botschaft in London. Es waren im Auftrag der CIA heimlich aufgenommene Bilder des spanischen Sicherheitsunternehmens UC Global. Man muss den Menschen Assange für nichts verteidigen, noch nicht einmal mögen, aber was man auf den Fernsehbildern sah, war schlicht inhuman und keiner Demokratie dieser Erde würdig. Zu sehen waren nämlich Videoaufzeichnungen der Tag und Nacht gefilmten winzigen Botschaftsräume, in denen Assange bis 2019 sieben Jahre lang vegetierte. Die intimsten Gespräche mit seinen Anwälten und seinem Psychologen wurden belauscht, jeder Schritt des wie Rilkes hospitalistischer Panther in den Kämmerchen umherschleichenden Assange aufgezeichnet. Sein während des Asyls geborener kleiner Sohn musste als vorgebliches Kind seines Chinesisch-Lehrers eingeschmuggelt werden, damit er ihn einmal in den Arm nehmen konnte; die Aussage des Geheimdienstes, man habe Schlafzimmer und Toilette Assanges von der Überwachung ausgenommen, klang angesichts der umfassenden Bespitzelung wie Hohn. Auf fatale Weise aber glichen die von Kameras an der Decke aufgenommenen Bilder in ihrer Allmachtsperspektive den allgegenwärtigen „Überwachen und Strafen“-Sendungen im Fernsehen wie „Big Brother“ oder aktuell „Love Island“: Sie machen die observierten Menschen schon räumlich klein und zu Objekten unmenschlicher Experimentalanordnungen - Tiere in Laboren filmt man so.

          Nicht nur die Stadt schläft nie

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Überwacht wird inzwischen wirklich jeder, weil die technischen Möglichkeiten es wie nie zuvor hergeben. Was aber hat dieses heimliche Beäugen anderer rund um die Uhr mit der Ausstellung „We never sleep“ in der Frankfurter Schirn zu tun, die sich der Spionage als einer wesentlichen Quelle künstlerischer Inspiration widmet? Tatsächlich sehr viel, da nicht nur der Blick der Künstler auf die gemalten Dinge oft einer inneren Vogelflugperspektive mit viel Distanz zum Beschauten gleicht. Schon der Weg zum jeweils bearbeiteten Sujet ähnelt der Spionage. Was kein Künstler je zugeben würde, ist, dass der Großteil von ihnen stets verblüffend genau über die aktuelle Produktion der Konkurrenz unterrichtet ist - die Gegenseite wird über verschiedenste Kanäle und Methoden observiert.

          Dahinter steckt immer ein kluger Agentenkopf: Rodney Grahams „Newspaper Man“ von 2017.
          Dahinter steckt immer ein kluger Agentenkopf: Rodney Grahams „Newspaper Man“ von 2017. : Bild: Museum Voorlinden Wassenaar

          Seit der Antike in Babylon, Athen und Rom sind geheimdienstliche Tätigkeiten auf hohem künstlerischen Niveau bekannt. Quer durch die Geschichte wurden die ohnehin in doppelter Hinsicht permanent Grenzen überschreitenden Künstler immer auch als Spione eingesetzt. Erst recht entwickelte die Kunst früh schon ein uneigentliches Sprechen in den Bildern, einen verbergenden Symbolismus voller Ambivalenzen, der nie für jedermann lesbar war und vor dem vollen Genuss der Werke entschlüsselt sein wollte. Schließlich bemalten im Ersten Weltkrieg namhafte Künstler wie Delaunay in Frankreich und Maler der britischen Gruppe „Blast“ riesige Kriegsschiffe mit kubistischen Mustern, um sie in den Wellen unsichtbar werden zu lassen, ebenso wie eine der Ikonen der Nachkriegsmoderne, Ellsworth Kelly, im Zweiten Weltkrieg Hunderte von Camouflage-Jeep-Skulpturen baute.

          Auch Mata Hari und Josephine Baker waren Künstleragenten

          Kunst macht Unsichtbares sichtbar und umgekehrt; nahezu immer codiert sie ihre Motive, weshalb die „Enigma“ in der Schau nicht fehlt und Alan Turing als ihr genialer De-Konstrukteur den Künstlern zugeschlagen wird. Die besten Agentenfilme sind daher bis heute jene, die sich künstlerischer Verschleierungstaktiken bedienen. Der gezeigte „Tinker Tailor Soldier Spy“ („Dame, König, As, Spion“) aus dem Jahr 2011 ist so ein Fall, bei dem der Zuschauer buchstäblich bis zur letzten Minute nicht weiß, wer in dieser kunstvollen Scharade nun Täter und Opfer war, geschweige denn, wer gut oder böse sei. Illustriert werden diese artifiziellen Versteckspiele in der Schirn zusätzlich mit den originalen Filmplakaten von Godards „Alphaville“, bei dem eine grunzende nackte Glühbirne den Überwachungsapparat verkörpert, sowie durch das Reklame-Affiche zu Fritz Langs „Spione“ 1928, das bereits an der Litfaßsäule, dem klassischen Treffpunkt von Spionen, durch seine konstruktivistisch verrätselte Bildsprache von den Betrachtern erst entschlüsselt werden musste.

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