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Karin Sander in Tübingen : Wie man den Kohlkopf zum Leuchten bringt

Mit Konzept und Sinn für das Spiel mit Kippmomenten: Die Kunsthalle Tübingen spürt dem sensuellen Konzeptualismus von Karin Sander nach.

          4 Min.

          Dass kaum jemand in der zeitgenössischen Kunst so konzeptualistisch präzise und zugleich erfreulich sensuell arbeitet wie Karin Sander, untermauern die nur vier Räume der Kunsthalle Tübingen, die sie derzeit dank des dortigen Corona-Modells trotz abermaliger Schließung vieler anderer Museen munter weiter bespielt.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Dass zwar bei der 1957 geborenen Karin Sander hinter allem ein ausgeklügeltes Konzept steht, es aber nie knäckebrottrocken zugeht, verhindert schon ihre stete Verwendung oder Umarbeitung vorgefundener Objekte. Obwohl formal streng, vermag der Betrachter sie meist rasch mit Alltagserfahrungen zu verbinden. Einen Beleg für diese fast immer wiedererkennbare Handschrift Karin Sanders bietet gleich der erste Saal. In ihm stehen sich zwei 3D-Selbstbildnisse der Künstlerin von siebzig Zentimeter Höhe in verhaltener, leicht metallisch schimmernder Farbigkeit spiegelverkehrt gegenüber. Freut man sich anfangs über das Putzige des Freudianischen Liliputanertreffs mit dem seitenverkehrten, mithin „verkehrten“ Zwilling, wird doch bald das Trügerische dieser vorgeblich perfekten Augentäuschung spürbar: Das Licht kam beim Scanvorgang von links, der Schatten fiel entsprechend nach rechts, was unser Auge mit der realen Beleuchtungssituation – das Saallicht kommt durch Strahler von oben – nicht in Übereinstimmung bringen kann. Unsere Urzeitsinne, geeicht auf „verräterische“ Schattenwürfe und Lichtverhältnisse, melden Alarm oder zumindest eine uneindeutige Situation. Als wäre das des Konzeptuellen nicht genug, hängt am Ende des Saals in der linken oberen Ecke ein kubisches Stück Fußball-Kunstrasenfeld in artifiziellem Plastikgrün, das aber mit seinen weißen Linien und dem angeschnittenen Viertelkreis eher wie ein suprematistisches „Grünes Quadrat“ Kasimir Malewitschs nach ausgedehntem Stadionbesuch wirkt.

          Grüne Quadrate neben Wirsingköpfen an der Wand

          Ähnlich paradox ist die Sander’sche siamesische Zwillingschaft von Konzept und sensuellem Effekt im zweiten Saal mit ihren „Kitchen Pieces“, die sie seit 2012 fortsetzt. Würde der größte Gemüsekünstler der Geschichte, Arcimboldo, heute noch arbeiten, sähe ein von ihm gestalteter Saal vermutlich so aus wie dieser: Marktfrische Salat- und Wirsingköpfe, Salatgurken sowie fast unwirklich und leicht giftig glimmender Brokkoli hängen wie Porträts in einer Gemäldegalerie auf derselben Höhe; „Fifty Shades of Green“ und bizarre Ahnengalerie ist das in einem, weil der Betrachter unwillkürlich die sehr unterschiedlichen Formen nach möglichem Sinn abklopft und doch auch eine evolutionäre Einheit im Sinne einer Abstammungsreihe hineinsehen will. Und das Schnuppern anfängt, ob man nicht doch durch die Maske etwas Charakteristisches von den „Kitchen Pieces“ mit der Nase erfasst, was nach Wochen und Monaten Ausstellungsdauer verstärkt der Fall sein wird, denn die Vergänglichkeit der nicht mehr gewässerten Pflanzen wird eine olfaktorische Vanitas hervorrufen, die weder zu übersehen noch zu überriechen ist.

          Jakobsleiter des Alltags: Karin Sanders „KS 2003 6 NZ“ von 2003 aus Büroklammern und Velinpapier.
          Jakobsleiter des Alltags: Karin Sanders „KS 2003 6 NZ“ von 2003 aus Büroklammern und Velinpapier. : Bild: Studio Karin Sander, VG Bild-Kunst, Bonn 2021

          Doch obgleich mit Edelstahlnägeln an die Wand geheftetes Gemüse per Genredefinition eigentlich ein Stillleben hätte ergeben müssen, schwingt es in diesem Saal arcimboldesk um in das Vexierbild eines so übergroßen wie widersprüchlichen Porträts von Natur (durch die Verderblichkeit der Grünware) und Küche (durch die strenge Ordnung des Arrangements, in der alles „seinen Platz hat“). Als wäre das „Grüne Quadrat“ Malewitschs durch die Wand gewuchert, findet es sich auch hier als Ausweis dafür, dass der Kunstrasen wie so vieles in unserem Alltag Natur nur simuliert, was aber durch den winzigen Ausschnitt aus einem regulären Fußballfeld, die Vertikalisierung des „Naturstücks“ wie auch die Abstrahierung der Feldmarkierung durch den Beschnitt offengelegt wird. Sander schuf mit ihrer Natur-Komposition in Kunststoff das farbige und kongeniale Pendant zu Peter Handkes legendärem Bildgedicht „Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968“ in seinem Band „Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“ aus dem Jahr 1969.

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