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Musikerporträts : Sie erwischt den Augenblick

Das Foto der Bratschistin Tabea Zimmermann erschien erstmals im Dezember 2001 in dieser Zeitung. Bild: Barbara Klemm

Bilder, die sich vom Dokumentarischen gelöst haben: Das Museum der Kronberger Malerkolonie zeigt Musikerporträts, die die Fotografin Barbara Klemm für die F.A.Z. angefertigt hat. Die Fotos zeigen Momente der Konzentration und Nachdenklichkeit im Alltag von Komponisten, Dirigenten und Instrumentalisten.

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          Fotografie und Musik scheinen ganz entgegengesetzte Künste. Hier das Auge, dort das Ohr, hier die Stille, dort der Klang. Vor allem aber: hier der Bruchteil einer Sekunde, dort lange Abfolgen in der Zeit. Musik ist überdies geplante und geformte Zeit, Fotografie hingegen lebt oft von der Kontingenz dessen, was sich nur einen Augenblick lang zeigt.

          Für die Fotografien Barbara Klemms gilt das ganz gewiss. Das Museum der Kronberger Malerkolonie nahe Frankfurt zeigt gerade eine Auswahl der Musikerporträts, die sie größtenteils für die F.A.Z. angefertigt hat: Komponisten (Hans Werner Henze, Adriana Hölszky, György Ligeti beispielsweise) mit und über ihren Notenblättern, Dirigenten (Klaus Tennstedt, Claudio Abbado, Simon Rattle) in maximal unterschiedlicher Aktion, Instrumentalisten (Wladimir Ashkenazy, Wladimir Horowitz, Tabea Zimmermann in unserem Bild) beim Üben oder nach dem Konzert.

          Momente verkörperter Nachdenklichkeit

          Diese Bilder haben die Texte, denen sie in der Zeitung beigegeben waren – die Ausstellung zeigt in Vitrinen, wie –, nicht nur überdauert. Sie haben sich auch von ihrem dokumentarischen Sinn gelöst und behaupten sich als eigene Werke. Denn was immer über ihre Entstehung erzählt werden kann, sie selbst erzählen nichts, sondern halten einen unwiederholbaren Moment fest, den die Fotografin nicht produziert, sondern erhascht hat: die Zehntelsekunde, in der sich die rechte, taktstocklose Hand von Pierre Boulez so über seinen Kopf hebt, dass schwer zu sagen ist, wo sich ihr Daumen überhaupt befindet; den Augenblick, in dem die Neigung der lockigen Köpfe von Tabea Zimmermann drinnen und Beethovens draußen entlang der Bogenlinie übereinzustimmen scheint; den Moment, in dem Ashkenazys Hände transparent scheinen, als könne man die Tastatur durch sie hindurch sehen.

          Gemeinsam ist den Bildern nicht nur die oft beobachtete Diskretion der Fotografin gegenüber den Porträtierten. Klemm erwischt den Augenblick, sie versucht nicht, die Person bei etwas zu erwischen. Was die Behauptung korrigiert, Fotografie sei eine tonlose Kunst, ist darüber hinaus, dass es sich um leise Bilder handelt. Sie halten weder pathetische Gesten noch ekstatische oder laute Momente fest, von denen es in der Musik viele gibt. Barbara Klemm porträtiert keine Menschen, die außer sich sind, sondern Momente verkörperter Konzentration und Nachdenklichkeit.

          Barbara Klemm – Musikerporträts. Museum Kronberger Malerkolonie, Kronberg im Taunus; bis 11. Oktober. Kein Katalog.

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