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Ausstellung in Berlin : Wie steht es um Deutsche und Russen?

Angela Merkel und Wladimir Putin bei einem Treffen in Paris im Oktober Bild: AP

Die Krisen der neuen Zeit gibt es dort nicht: Eine Ausstellung im Martin-Gropius-Bau in Berlin widmet sich dem russisch-deutschen Verhältnis. Sie zeigt vor allem den Stand gemeinsamer Erinnerungspolitik – und endet in ungewisser Leere.

          Wie ist es uns, den Deutschen und den Russen, miteinander ergangen seit dem 8. Mai 1945 in Berlin-Karlshorst? Seit jenem Tag, da Generalfeldmarschall Keitel Deutschlands bedingungslose Kapitulation unterschrieb? Der Film, im „Kapitulationssaal“ des heutigen Museums Berlin-Karlshorst als Endlosschleife zu sehen, wird jetzt auch im Martin-Gropius-Bau gezeigt. Aber so direkt zu fragen war wohl ausgeschlossen. Bereits der staatstragende, staubtrockene Titel der Ausstellung „Russland und Deutschland - von der Konfrontation zur Zusammenarbeit“ deutet die politisch-ideologischen Fährnisse des Projektes an.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Das „Museum Berlin-Karlshorst“ hat es gemeinsam mit dem russischen Staatsarchiv erarbeitet, in einer Zeit, die dem Titel widersprach, was am deutlichsten im letzten Saal zu besichtigen ist, denn der ist weitgehend leer geblieben. Sein einziger Blickfang ein riesiges Bild der unerschütterbaren Männerfreunde Gerhard Schröder und Wladimir Putin; rechts in der Ecke noch ein leiser Kontrapunkt: Daniil Granins große Rede vom 27. Januar 2014 im Deutschen Bundestag. Danach kommt nichts mehr, die russische Seite, gewiss nicht die Archivare, hat alles abgelehnt, was das schwarze Loch deutsch-russischer Beziehungen der letzten zwei Jahre hätte erhellen können.

          Beutezüge der Trophäenkommission

          Die von Julia Franke und Christoph Meißner kuratierte Schau zeigt im Großen und Ganzen den Stand gemeinsamer Erinnerungspolitik, Ergebnis eines Prozesses mit vielen Kompromissen. Die schwierige Gründung der beiden deutschen Teilstaaten wird erzählt, zu lesen sind die ersten Erlasse der sowjetischen Militäradministration, die unter anderem zeigen, dass Speziallager, in denen bekanntlich nicht nur belastete Nazis verschwanden, lange vorbereitet waren, genauso wie die Beutezüge der Trophäenkommission der Roten Armee.

          Neben zum Teil aufsehenerregenden Dokumenten, die erstmals gezeigt werden, haben die Kuratoren gemeinsam mit den Moskauer Partnern vierzehn exemplarische Biographien ausgewählt, die diesen wechselvollen Prozess nachvollziehbarer machen. So wird an den (ost-)deutschen Regisseur Konrad Wolf erinnert, dessen berühmter autobiographischer Film „Ich war neunzehn“ zum ersten Mal die Ambivalenz der sowjetischen Machtübernahme nach dem Sieg thematisierte, was damals hohe Wellen der Empörung in den Parteispitzen von KPdSU und SED schlug.

          Otto Wolff von Amerongen steht neben den hochsymbolischen Besuchen Adenauers in den fünfziger Jahren in Moskau für die Anfänge des sogenannten Osthandels der BRD mit der Sowjetunion. Von Amerongen begann seine Karriere als Industrieller mit besonderen Beziehungen im faschistischen Portugal, wo er wichtige Kriegsrohstoffe für die Nazis besorgte. Wie er über diese Vergangenheit dachte, hat er der Welt nie mitgeteilt, doch ist ihm schon 1970 das erste Erdgas-Röhren-Geschäft mit der Sowjetunion gelungen, unter Verletzung des von den Vereinigten Staaten verhängten Embargos. Es gibt viele Belege in der Ausstellung, wie forsch Wirtschaftsinteressen durchzusetzen waren, mit zuweilen kargen Früchten für die Politik. Wie sowjetische Rüstungspolitik aussah, erzählen Dokumente des Obersten Sowjets, angefangen mit der Verordnung von 1946, (ost-)deutsche Kenntnisse der Raketentechnik nutzbar zu machen und die Spezialisten in die SU zu holen, wo sie am „Nordhausen-Institut“ zu arbeiten hatten. Dass es dort weniger komfortabel zuging als bei einem ähnlichen Rüstungsprojekt in den Vereinigten Staaten, ist den Übersetzungen zu entnehmen.

          Die sowjetische Seite war sehr am Mauerbau interessiert

          Heinrich Böll und Lew Kopelew haben ihren Auftritt, der die zivile Versöhnung einstiger Kriegsgegner aufs schönste dokumentiert. Und Michael Rust, der im Mai 1987 mit seinem Flieger unangemeldet auf dem Roten Platz landete. Damals hielt die Welt den Atem an, wie die Sowjetunion darauf reagieren würde. Rust wurde verurteilt, doch gehört dazu die interessante Information, dass Parteichef Michail Gorbatschow das Versagen der sowjetischen Luftabwehr hart ahndete: Er entließ zweitausend Generäle und Offiziere, um sich, wie es im Kommentar dazu heißt, „der Gegner seiner Reformen von ,Glasnost‘ und ,Perestroika‘ zu entledigen“. Die sowjetische Militärführung hat ihm das nie verziehen.

          Etwas versteckt, aber eine Sensation ist das Protokoll eines Vieraugengespräches zwischen Nikita Chruschtschow und Walter Ulbricht kurz vor dem Mauerbau. Es ist vierzehn Seiten lang und wurde erst kürzlich aufgefunden. Anders als viele glauben, war die sowjetische Seite sehr am Mauerbau interessiert, und dieses zuweilen in surreale Höhen abdriftende Gespräch ist ein einzigartiger Beweis für die Rollen als Herr und Knecht, Sowjetführer und Bittsteller aus Berlin. Die beiden Herren reden anfangs über fehlendes Gemüse und faulende Kartoffeln; Chruschtschow empfiehlt Mais, der bei ihm „fünf Meter hoch“ wachse. Ulbricht gesteht kleinlaut, seiner schaffe nur fünfzig Zentimeter. Dann kommt Chruschtschow zur Sache, bietet zusätzliche Panzerdivisionen an, damit das mit der Mauer auch klappt.

          Der Russe höhnt, der andere windet sich, empfängt peinliche Order und fragt, welcher Termin der beste sei. Erst nach dem Kirchentag im Juli, sind sie sich einig, auch über Brandt, den sie für „schlimmer als Adenauer“ halten. Chruschtschow verspricht eine Note, darin „die DDR im Interesse der sozialistischen Länder gebeten wird, die Grenze zu schließen“. Ziel: den Kapitalismus überholen. Sie glaubten noch fest daran.

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