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Ausstellung : Vom Keil zum Click

Der Feldzugbericht des Königs Sanherib von Assyrien in Keilschrift aus dem 8./7. Jahrhundert v. Chr. Bild: dpa

Ob man dem, was im Internet steht, trauen kann - das muss jeder selbst entscheiden. In diesem Punkt gibt die Ausstellung „Bookmarks“ in Hannover keinen Fingerzeig, auch wenn sie darauf zielt, „Wissenswelten“ zu zeigen und erlebbar zu machen.

          Man solle bloß nicht alles glauben, was im Internet stehe. In Wikipedia etwa stehe, er habe einen Pakt geschlossen, niemals gegen Roland Koch zu kandidieren. Das erzählte Niedersachsens Ministerpräsident bei der Eröffnung der Ausstellung Ende vergangener Woche. Christian Wulff spielte damit auf den sogenannten Andenpakt an, den 1979 junge CDU-Politiker schmiedeten, denen Wulff aber nicht zugehören will. Wulffs Rede ist im Internet zu sehen, seine Bemerkung „Wir sind ja unter uns“ ist deshalb ein Witz. Ob man dem Video deswegen trauen kann - auch das muss heute jeder selbst entscheiden.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          In diesem Punkt gibt die Ausstellung „Bookmarks“ keinen Fingerzeig, auch wenn sie darauf zielt, „Wissenswelten“ zu zeigen und erlebbar zu machen. Die Kestnergesellschaft hat sie in Zusammenarbeit mit der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek und der Universität Hannover organisiert, ganz gegen die sonstige Gewohnheit des Hauses, sich auf monographische Ausstellungen von Gegenwartskünstlern zu spezialisieren. Nun also ein kombinierter Blick in die Archive und in die Gegenwart unserer digitalen Zukunft.

          Schwarze Wände

          In der Claussen-Halle ruht die Vergangenheit mit dreiundvierzig Exponaten hinter Panzerglas, gekühlt. So kostbar sind viele der gezeigten Briefe, Bücher und die Leibnizsche Rechenmaschine, dass sie aus konservatorischen Rücksichten nur vier Wochen gezeigt werden dürfen. Das ist schon deswegen bedauerlich, weil ein Großteil der Stücke noch nie öffentlich zu sehen war; der Leibniz-Bibliothek fehlt die Ausstellungsfläche. Die jeweils von zwei Glasfronten einzusehenden Exponate reichen von einem assyrischen Feldzugsbericht in Keilschrift aus dem achten vorchristlichen Jahrhundert über ein Blatt aus den Monseer Fragmenten sechzehnhundert Jahre später, über Atlanten, Gebetbücher, einen Brief Katharinas der Großen bis zu diversen Blättern aus der Hand des Denkers und Mathematikers Leibniz, der vierzig Jahre in Hannover wirkte.

          Schafft YouTube tatsächlich Inhalte, die Wissen transportieren? In Hannover versucht man es

          Viele Stücke sind hervorragende und sehr haltbare Zeitzeugen der Gutenberg-Galaxis. Ein Brief, der bis heute fortwirkt, ist jener, den Leibniz am 12. Januar 1697 an Rudolph August, den Herzog zu Braunschweig schreibt. Darin führt er aus, nichts demonstriere die Allmacht Gottes, die Erschaffung der Dinge aus dem Nichts, besser als der Ursprung der Zahlen, „durch deren Ausdrückung blos und allein mit Eins und mit Nulle oder Nichts alle Zahlen entstehen“. Leibniz skizziert hier mit einem Diagramm am linken Blattrand sein binäres Zahlensystem, ein überaus folgenreiches System, ohne das Computer nicht denkbar wären. So weist der Brief in den zweiten Raum, der sich auf gut Kuratorendeutsch „Laboratorium“ nennt und schwarze Wände hat.

          „Bettie Ballhaus, zeig uns deine Titten“

          Er dient als Gehäuse für die dreiundundzwanzig begleitenden Vorträge und als Station für sechs Computerterminals, mit denen anhand der Video-Plattform „YouTube“ nicht nur unser zeitgenössisches Internetdasein, sondern auch die Kreativität der Besucher getestet werden soll. Man kann filmen, sich in Szene setzen und gleich ins Netz stellen. These: „YouTube“ hat unser aller Leben verändert. Auch wenn man ihr zustimmt, fällt die Verbindung zum davor skizzierten Wissenkosmos nicht leicht. Den Umstand, dass Wissen viel mit der Tradierung desselben zu tun hat, ignoriert man hier nassforsch. Ein User etwa hinterließ, seiner Kuratorenneigung entsprechend, das als Humor rubrizierte Video „Bettie Ballhaus, zeig uns deine Titten“ - womit man gewissermaßen im Zentrum des Ausstellungsproblems ist: Handelt es sich bei den zweihundertausend Videos, die täglich bei „YouTube“ eingestellt werden, tatsächlich um Inhalte, die Wissen transportieren?

          Eine mögliche Antwort findet man in der Vitrine gegenüber der Museumskasse: Dort steht als Ausstellungsstück Nummer 42 eine Brockhaus Enzyklopädie des Jahres 2000, die sogenannte Millenium-Ausgabe in vierundzwanzig Bänden, mit Ziegenledereinband und Hologrammen. Sie zeigt noch einmal die Leistungsfähigkeit des Buches. Heute ist Brockhaus verkauft, eine Marke von Bertelsmann, das Weltwissen zwischen Buchdeckeln gilt als Auslaufmodell. Dabei hatte es Christian Wulff doch so schön gesagt: „Bücher haben eine größere Sicherheit gegenüber Fälschungen.“

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