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Ausstellung über Fernsehtürme : Im siebten Himmel hat es gebrannt

  • -Aktualisiert am

Der Fernsehturm in Guangzhou soll zu den Asienspiele 2010 eröffnet werden Bild: Information Based Architecture (IBA), Amsterdam

Rakete, Stengel, Bohrturm, Phallus, Blitzableiter oder Insekt? Gerade weil seine Form so einfach ist, kann er uns alles sein: Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt befasst sich mit Fernsehtürmen.

          Rakete, Stengel, Bohrturm, Phallus, Blitzableiter, Insekt? Gerade weil seine Form so einfach ist, kann er uns alles sein. Der Fernsehturm. Analog der Bemerkung von Roland Barthes über den Eiffelturm, ist er „eine unendliche Chiffre“, der je nach den Impulsen unserer Vorstellungskraft nacheinander und gleichzeitig Symbol für Modernität, Kommunikation, Wissenschaft und technische Überlegenheit sein könne. Dabei sind Fernsehtürme funktional nicht einmal notwendig, hohe Antennenanlagen hätten oft denselben Nutzen. Es ist ihre semiotische Offenheit, die sie so interessant macht, besonders für die Politik. Das zeigt pünktlich zum vierzigjährigen Jubiläum des Berliner Fernsehturms eine Ausstellung des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt.

          Egal welche Form Machthaber auf der ganzen Welt ihren Türmen geben, ihr Ziel bleibt gleich: Sicherung der medialen und symbolischen Lufthoheit über dem eigenen Staatsgebiet und Störung fremder Signale weit darüber hinaus. Symbolkraft strahlt weiter als jedes Funksignal. So wurden die Fernsehtürme die Kathedralen des Medienzeitalters. Den größten Turm zu haben gilt bis heute als Zeichen höchster politischer und technischer Potenz, im Kalten Krieg auch als Beleg für die Überlegenheit dieser oder jener Gesellschaftsform.

          Stachel im Staatskörper

          Eine Beweisführung, die jedoch alle paar Jahre neu justiert werden musste: Tokio 333 Meter, Ost-Berlin 368 Meter, Moskau 540 Meter, Toronto 553 Meter. 2012 wird Tokio wieder Speerspitze des technischen Fortschritts sein, mit einem zirka 610 Meter hohen Turm, sanft geschwungen wie ein Samuraischwert. Nichts macht den Wandel der japanischen Gesellschaft seit den fünfziger Jahren augenfälliger als ein Vergleich mit dem alten Turm. Während der neue an die Tradition der japanischen Kampfkunst anknüpft, ist der Turm von 1958 ein Symbol der Unterwerfung. Wie kein zweites Bauwerk verkörpert seine Konstruktion die umstrittene Strategie der „Westernization“, die heute wie ein Stachel im japanischen Staatskörper steckt: Der Turm ist eine rot-weiß gestrichene Kopie des Eiffelturms, jedoch dank japanischer Technologie nur halb so schwer und acht Meter höher. Kein Wunder, dass kein Fernsehturm der Welt öfter zerstört wurde als dieser - allerdings nur in Mangas und Kinofilmen.

          Auf Postkarten wird der Fernsehturm von Las Vegas erheblich vergrößert

          Spiegel der nationalen Identität sind Fernsehtürme auch anderswo, was aber nicht unbedingt positiv auf das internationale Ansehen eines Volkes abstrahlt. In Las Vegas etwa lockt der Fernsehturm nicht mit einem Drehrestaurant, sondern mit einer Achterbahn an der Spitze. Statt einer Antenne gibt es eine Röhre, durch die sich Poker-Spieler mit doppelter Erdbeschleunigung in die Luft schießen lassen können. Der Fernsehturm in Auckland, Neuseeland verspricht laut Reklame dasselbe wie Neuseeland selbst: „Fun, Fun, Fun and Sport“. Die erhebende Betrachtung einer erhabenen Landschaft scheint hier alteuropäisch-gestrig, Hochgefühle entstehen down under beim Klettern, Springen und Überschlagen.

          Ikone der Leninschen Lehre

          Den imposantesten Salto aber hat der Moskauer Ostankino vollzogen: 1967 zum fünfzigsten Jahrestag der Oktoberrevolution fertiggestellt, galt der Fernsehturm als Ikone der wahren Leninschen Lehre. Wenn Kommunismus ihr zufolge Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes war, was war Fernsehen dann anderes als die massenmediale Fortsetzung der Elektrifizierung des gesamten Sowjetvolks?

          Nach der Wende wird auch der Fernsehturm demokratisiert und muss nun neben den staatlichen auch die Signale von privaten Sendern übertragen. „Der Siebte Himmel“, das Nobelrestaurant in 340 Metern Höhe, wird Treffpunkt der neuen Moskauer Oberschicht. Die Wirtschaft brummt. Im Sommer 2000 kommt es durch die Überlastung der Stromnetze zum Kurzschluss, der Fernsehturm brennt und ist einsturzgefährdet - bis heute. Vom Symbol des sowjetischen Fortschritts wurde der Ostankino zum Zeichen des entfesselten versagenden Kapitalismus. Das Schlimmste aber: Der „Siebte Himmel“ bleibt nicht nur für Manager bis auf weiteres geschlossen.

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