https://www.faz.net/-gqz-9fph3

Ausstellung in Stuttgart : Der Sturm aufs Palais war ein Stürmle

Auf den Barrikaden: Die Bürger von Lörrach. Bild: HDGBW

Stuttgarts Haus der Geschichte zeigt die Weimarer Republik von deren Anfängen her und zieht eine Parallele zur heutigen Vertrauenskrise der Demokratie. Auch damals gab es Personen und Leistungen, die mehr Vertrauen verdient hätten.

          Die Weimarer Republik wird oft von ihrem Scheitern her betrachtet. Die Ausstellung „Vertrauensfragen. Der Anfang der Demokratie im Südwesten“ zum Jubiläum der Gründung der ersten deutschen Republik im Südwesten geht einen anderen Weg: Sie stellt die frühen Jahre dar und konzentriert sich auf die aus Sicht der Kuratoren beachtlichen Erfolge der Weimarer Republik. Nicht die Schwächen der Weimarer Reichsverfassung stehen im Vordergrund, sondern die Leistung, unter widrigen Bedingungen eine Republik aufbauen und überhaupt Vertrauen in einen neuen Staat begründen zu können. Es ist nicht die einengende etatistische Sicht auf die Weimarer Reichsverfassung, sondern die soziologische auf die Gesellschaft.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Die Ausstellung – samt Titel schon 2016 beschlossen und konzipiert – passt somit zu aktuellen tagespolitischen Diskussionen. Aufgrund des Aufstiegs der AfD und ihres erfolgreichen Bestrebens, unerschütterlich gewähnte Fundamente der Bundesrepublik zu verschieben, wird die derzeitige politische Lage immer häufiger mit Weimar verglichen – und der Ruf, Berlin sei nicht Weimar, wird nicht mehr herausposaunt wie noch vor fünf oder zehn Jahren. Gerade hat der frühere Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio Parallelen zwischen Weimar und Berlin gezogen. Die Diskreditierung demokratischer Spielregeln und die Vorbehalte gegen die Parteiendemokratie damals und heute lassen sich in der Tat miteinander vergleichen.

          Eine Frage der Zugehörigkeit: Schwäbisches Volksbuch der DDP.

          Der Ende des Jahres in den Ruhestand wechselnde Leiter des Hauses der Geschichte, Thomas Schnabel, ein Schüler Heinrich August Winklers, formulierte seine Gegenwartsanalyse bei der Eröffnung der Ausstellung zwar umsichtig, aber doch besorgt: „Die Bundesrepublik hat keine einzige der Krisen der Weimarer Republik gehabt. Deshalb fragt man sich, warum viele, obwohl es dem Land doch blendend geht, von einer Vertrauenskrise in die Demokratie sprechen.“ Schnabel nennt die Integration der Kriegsheimkehrer, den Versailler Vertrag, die Bewältigung der Niederlage, die Umsturzversuche von links und rechts, die Bedrohung durch republikfeindliche Freikorps, die Hyperinflation, den Einmarsch der Franzosen ins Ruhrgebiet sowie nach Offenburg und Appenweier in Baden. Bei den September-Wahlen 1930 bekamen die demokratischen Parteien in Baden trotz allem noch 57 Prozent und in Württemberg 51 Prozent.

          Was schafft Vertrauen?

          Berücksichtigt man, dass die derzeitige Vertrauenskrise der Demokratie fast ausschließlich durch einen kulturellen Konflikt, den Umgang mit Flüchtlingen aus arabischen Ländern, ausgelöst wurde, dann hat Schnabel recht und die Weimarer Republik war erstaunlich stabil. Schnabel empfiehlt deshalb, man solle mit der ersten deutschen Republik „gnädiger“ umgehen. Was das heißt, zeigt das Haus der Geschichte in Stuttgart. Die Ausstellung versetzt die Besucher in die Lage, zu verstehen – so formulierte es die künftige Leiterin des Museums, Paula Lutum-Lenger –, wie in einer Demokratie Vertrauen geschaffen, wie es immer neu erkämpft und ausgehandelt werden muss.

          Nur ein Offizier, der sich an einer Pickelhaube verletzte, das war’s: Das Telegramm mit der Abdankung des Kaisers.

          Dazu unterteilten die Kuratoren den Raum im Tiefgeschoss des Museums in sechs Foren, in denen die sechs Voraussetzungen vorgestellt werden, ohne die es kein Vertrauen geben kann: Teilhabe, Sicherheit, Zusammenarbeit, Vielfalt, Zugehörigkeit und Glaubwürdigkeit. Wie volatil das Vertrauen ist, zeigt ein LED-Lichtband, auf dem die Leitfrage wie ein Aktienwert ständig präsent ist: Was schafft Vertrauen?

          In den Foren werden Geschichten von Bürgern der Weimarer Republik erzählt, Fundstücke gezeigt, und es wird immer ein Bogen in die Gegenwart geschlagen, etwa im Forum Sicherheit. Dort lassen sich in einer Lichtinstallation, von der Schleierfahndung bis zum biometrischen Personalausweis, so viele Sicherheitsmaßnahmen per Fußschalter einschalten, dass die Freiheitsfläche immer kleiner wird. Am Beginn der Ausstellung steht aber die Vertrauenskrise am Ende des Ersten Weltkriegs: Millionen Kriegsheimkehrer, eine halbe Million unterernährter Menschen, Soldaten, die in den letzten Kriegsmonaten in einen verdeckten Militärstreik treten. In einem alten Honigglas ist das in der Not erfundene „Eckhoff-Brot“ zu sehen, ein scheußlich schmeckendes Gebäck aus Strohmehl und Tierblut.

          Die Monarchie implodiert

          Der Verdruss über die Monarchie ist groß, der Hunger im Herbst 1918 unerträglich, die Friedenssehnsucht der Menschen spürbar. „Pflück die Freuden, wie sie blühen“, steht auf einem zeitgenössischen Tanzstundenfächer aus Ludwigsburg. Die Revolution in Baden und Württemberg setzt früher ein als andernorts und verläuft unblutig: Bevor der Kieler Matrosenaufstand die Revolution ins Rollen bringt, hatten Maybach-Arbeiter in Friedrichshafen schon am 22. Oktober 1918 die Republik proklamiert. Der angebliche Sturm auf das Stuttgarter Wilhelmspalais ist dann eher ein Stürmle. Die Monarchie wird nicht revolutionär hinweggefegt, sie implodiert. Für den äußerst beliebten württembergischen König Wilhelm II. hebt niemand die Hand, er flieht nach Bebenhausen. Ein Offizier verletzt sich an einer Pickelhaube – das war die Revolution in Württemberg.

          Sechs Themenbereiche umfasst die Ausstellung: Teilhabe, Sicherheit, Zusammenarbeit, Vielfalt, Zugehörigkeit und Glaubwürdigkeit.

          Obwohl Freikorpskämpfer im Untergrund die Wiederaufrüstung vorantrieben, NSDAP und Kommunisten auch im Südwesten schon 1923 an der Beseitigung Weimars arbeiteten, gab es auch eine Reihe stabilisierender, Vertrauen stiftender Entwicklungen: Zu nennen wäre Leutnant Paul Hahn in Isny, der sich im Soldatenrat für eine disziplinierte Demobilisierung einsetzte. Oder 1922 die von dem Quäker Herbert Hoover organisierten Kinderspeisungen, die den unterernährten Kindern halfen zu überleben. Auch das auf dem Truppenübungsplatz Heuberg gemeinsam von der badischen und württembergischen Regierung betriebene Erholungsheim für kriegsgeschädigte Kinder war eine Einrichtung, die Not linderte und Vertrauen schuf. Stabilisierend wirkten auch kooperative Arbeitsbeziehungen und eine faire Sozialpartnerschaft, wie sie zum Beispiel der Industrielle Robert Bosch durchsetzte. Nicht geringzuschätzen für den Vertrauensaufbau waren auch Initiativen der Bürger – das, was man heute „zivilgesellschaftliches Engagement“ nennt: die Gründung von Baugenossenschaften zur Bekämpfung der Wohnungsnot oder eine Tübinger Selbsthilfe-Studenteninitiative zur Linderung der Armut an der Universität.

          Engere Fühlung mit dem Volke

          Im Forum Glaubwürdigkeit zeigt sich, wie wichtig Vertrauenspersonen waren: zum Beispiel der erste Reichspräsident Friedrich Ebert, der aus Heidelberg stammte. Oder Anton Geiß, der provisorische badische Staatspräsident. Beide waren Sozialdemokraten. Geiß besuchte 1919 fast alle badischen Landkreise, um „engere Fühlung mit dem Volke zu nehmen, ein ehrliches Vertrauensverhältnis zwischen Volk und Regierung zu schaffen“. Christopher Dowe, einer der Kuratoren, schreibt im Katalog über die Hetzkampagnen von rechts und links gegen republikanische Politiker wie Ebert oder Geis: „Demokratiefeindliche Teilgruppen der Gesellschaft glaubten nur zu gerne immer neuen Diffamierungen der verhassten republikanischen Spitzenpolitiker und sahen sich unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Unterstellungen in ihrem Weltbild und in ihrer Demokratiefeindschaft bestätigt.“

          In der jungen Demokratie konnten erstmals auch Frauen wählen und gewählt werden, hier ein Plakat mit Wahlaufforderung an Frauen, 1918.

          Die Hetze, so Dowe, galt auch in der Weimarer Republik nicht allein der Glaubwürdigkeit der Person, sondern „zielte auch auf die Zerstörung jeglichen Vertrauens in die Demokratie“ – eine Aussage, die sicher auch auf vieles zutrifft, was die heutige Bundeskanzlerin ertragen muss und was heute aus dem Internet und den sozialen Medien in die öffentliche Debatte sprudelt.

          Die Ausstellung über die junge Weimarer Republik unter den Vertrauensbegriff zu stellen macht sie zu einem politischen Ereignis und das Museum zu einem Ort der aktuellen politischen Debatten. Das ist ausdrücklich gewollt, und das gelingt zweifelsohne in weiten Teilen, auch wenn die Ausstellungsmacher unter diesen Begriff zu viel subsumieren. Ob die Teilnahme von Helene Wranovsky am Solitude-Motorrad-Rennen 1920 und die Überwindung alter Rollenmuster nun so wichtig für die Bildung von Vertrauen war, kann man bezweifeln. „Helene gefahren wie Sau, nur noch Arsch gesehen“, hieß es über die selbstbewusste Motorsportlerin – eine Ausstellung braucht eben auch solche Anekdoten.

          Die Historikerin Ute Frevert machte den Vertrauensbegriff vor wenigen Jahren in einem vielbeachteten Buch zu einer analytischen Kategorie in der Geschichtswissenschaft. Sie sprach aber auch von einer „Obsession der Moderne“, warnte vor dem inflationären Gebrauch des Begriffs in Politik und Werbung. Ohne Vertrauen funktioniert eine Demokratie nicht. Vertrauen allein reicht aber auch nicht, um ein politisches System stabil zu halten. Geradlinige, für Bürger nachvollziehbare politische Prozesse und Eliten, die demokratische Grundwerte sowie die Parteiendemokratie nicht missachten, sind zwingende, grundsätzliche Voraussetzungen, damit Vertrauen entstehen kann.

          Weitere Themen

          Zwischen Horrorfilm und Neorealismus Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Wo ist Kyra?" : Zwischen Horrorfilm und Neorealismus

          "Wo ist Kyra?" von Fotograf Andrew Dosunmu ist ein Hollywood-Film und Arthouse zugleich. Und beides auch wieder nicht. Denn die Zielgruppen beider Genre müssen sich an etwas gewöhnen, das sie sonst ablehnen. Warum der Film sowohl inhaltlich als auch künstlerisch sehenswert ist, verrät F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath.

          Die Drift nach oben Video-Seite öffnen

          Landkarte des Kunstmarkts : Die Drift nach oben

          Die Preise für Kunst sind absurd? Nein. Sie sind das realistische Abbild des globalen Reichtums. Eine Landkarte des Kunstmarkts, der in Wirklichkeit schrumpft und nur knapp dem Umsatz von Rewe entspricht.

          Topmeldungen

          Konflikt mit Iran : Trumps gefährliches Hin und Her

          Nachdem es zunächst nach Deeskalation aussah, droht Donald Trump Iran abermals. Eine Strategie im Umgang mit der Islamischen Republik ist nicht erkennbar. Trumps Reaktionen haben aber auch innenpolitische Gründe.
          „Eine Art Ideologie, die zu Gräueln in der Historie unseres Planeten geführt hat“: So beschreibt ein ehemaliger Funktionär die Haltung der IAAF gegenüber der standhaften Caster Semenya.

          FAZ Plus Artikel: Fall Caster Semenya : Startrecht nach Kastration

          Die IAAF hat Caster Semenya nach ihrem Sieg in Berlin 2009 eine Operation nahegelegt zur Aufhebung ihrer Laufsperre. Vier Athletinnen unterzogen sich der Tortur. Ein früherer Funktionär spricht von einem Zwangssystem.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.