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Ausstellung in Stuttgart : Der Sturm aufs Palais war ein Stürmle

Auf den Barrikaden: Die Bürger von Lörrach. Bild: HDGBW

Stuttgarts Haus der Geschichte zeigt die Weimarer Republik von deren Anfängen her und zieht eine Parallele zur heutigen Vertrauenskrise der Demokratie. Auch damals gab es Personen und Leistungen, die mehr Vertrauen verdient hätten.

          Die Weimarer Republik wird oft von ihrem Scheitern her betrachtet. Die Ausstellung „Vertrauensfragen. Der Anfang der Demokratie im Südwesten“ zum Jubiläum der Gründung der ersten deutschen Republik im Südwesten geht einen anderen Weg: Sie stellt die frühen Jahre dar und konzentriert sich auf die aus Sicht der Kuratoren beachtlichen Erfolge der Weimarer Republik. Nicht die Schwächen der Weimarer Reichsverfassung stehen im Vordergrund, sondern die Leistung, unter widrigen Bedingungen eine Republik aufbauen und überhaupt Vertrauen in einen neuen Staat begründen zu können. Es ist nicht die einengende etatistische Sicht auf die Weimarer Reichsverfassung, sondern die soziologische auf die Gesellschaft.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Die Ausstellung – samt Titel schon 2016 beschlossen und konzipiert – passt somit zu aktuellen tagespolitischen Diskussionen. Aufgrund des Aufstiegs der AfD und ihres erfolgreichen Bestrebens, unerschütterlich gewähnte Fundamente der Bundesrepublik zu verschieben, wird die derzeitige politische Lage immer häufiger mit Weimar verglichen – und der Ruf, Berlin sei nicht Weimar, wird nicht mehr herausposaunt wie noch vor fünf oder zehn Jahren. Gerade hat der frühere Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio Parallelen zwischen Weimar und Berlin gezogen. Die Diskreditierung demokratischer Spielregeln und die Vorbehalte gegen die Parteiendemokratie damals und heute lassen sich in der Tat miteinander vergleichen.

          Eine Frage der Zugehörigkeit: Schwäbisches Volksbuch der DDP.

          Der Ende des Jahres in den Ruhestand wechselnde Leiter des Hauses der Geschichte, Thomas Schnabel, ein Schüler Heinrich August Winklers, formulierte seine Gegenwartsanalyse bei der Eröffnung der Ausstellung zwar umsichtig, aber doch besorgt: „Die Bundesrepublik hat keine einzige der Krisen der Weimarer Republik gehabt. Deshalb fragt man sich, warum viele, obwohl es dem Land doch blendend geht, von einer Vertrauenskrise in die Demokratie sprechen.“ Schnabel nennt die Integration der Kriegsheimkehrer, den Versailler Vertrag, die Bewältigung der Niederlage, die Umsturzversuche von links und rechts, die Bedrohung durch republikfeindliche Freikorps, die Hyperinflation, den Einmarsch der Franzosen ins Ruhrgebiet sowie nach Offenburg und Appenweier in Baden. Bei den September-Wahlen 1930 bekamen die demokratischen Parteien in Baden trotz allem noch 57 Prozent und in Württemberg 51 Prozent.

          Was schafft Vertrauen?

          Berücksichtigt man, dass die derzeitige Vertrauenskrise der Demokratie fast ausschließlich durch einen kulturellen Konflikt, den Umgang mit Flüchtlingen aus arabischen Ländern, ausgelöst wurde, dann hat Schnabel recht und die Weimarer Republik war erstaunlich stabil. Schnabel empfiehlt deshalb, man solle mit der ersten deutschen Republik „gnädiger“ umgehen. Was das heißt, zeigt das Haus der Geschichte in Stuttgart. Die Ausstellung versetzt die Besucher in die Lage, zu verstehen – so formulierte es die künftige Leiterin des Museums, Paula Lutum-Lenger –, wie in einer Demokratie Vertrauen geschaffen, wie es immer neu erkämpft und ausgehandelt werden muss.

          Nur ein Offizier, der sich an einer Pickelhaube verletzte, das war’s: Das Telegramm mit der Abdankung des Kaisers.

          Dazu unterteilten die Kuratoren den Raum im Tiefgeschoss des Museums in sechs Foren, in denen die sechs Voraussetzungen vorgestellt werden, ohne die es kein Vertrauen geben kann: Teilhabe, Sicherheit, Zusammenarbeit, Vielfalt, Zugehörigkeit und Glaubwürdigkeit. Wie volatil das Vertrauen ist, zeigt ein LED-Lichtband, auf dem die Leitfrage wie ein Aktienwert ständig präsent ist: Was schafft Vertrauen?

          In den Foren werden Geschichten von Bürgern der Weimarer Republik erzählt, Fundstücke gezeigt, und es wird immer ein Bogen in die Gegenwart geschlagen, etwa im Forum Sicherheit. Dort lassen sich in einer Lichtinstallation, von der Schleierfahndung bis zum biometrischen Personalausweis, so viele Sicherheitsmaßnahmen per Fußschalter einschalten, dass die Freiheitsfläche immer kleiner wird. Am Beginn der Ausstellung steht aber die Vertrauenskrise am Ende des Ersten Weltkriegs: Millionen Kriegsheimkehrer, eine halbe Million unterernährter Menschen, Soldaten, die in den letzten Kriegsmonaten in einen verdeckten Militärstreik treten. In einem alten Honigglas ist das in der Not erfundene „Eckhoff-Brot“ zu sehen, ein scheußlich schmeckendes Gebäck aus Strohmehl und Tierblut.

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