https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/ausstellung-ueber-das-erbe-sozialistischer-planstaedte-17607139.html

Sozialistische Planarchitektur : Start-Ups für Stalinstadt

Plattenbau in Schwedt. Fassaden und Grünanlage scheinen zu verschmelzen. Bild: Martin Maleschka

Zwischen Zerfall und Aufbruchsstimmung: Eine Ausstellung in Eisenhüttenstadt widmet sich dem Schicksal sozialistischer Planstädte nach der Wende.

          4 Min.

          Es sind Bilder der Tristesse. Sie zeigen Einfamilienhäuser, entstanden Ende der Neunzigerjahre, die zwischen Plattenbauten, Autowerkstätten, Tankstellen und Discountsupermärkten stehen. Nebel hat sich über die Straßen gelegt. Nur wenig deutet darauf hin, dass die abgebildeten Städte einst prosperierende industrielle Zentren waren. Der Fotograf Martin Maleschka fängt in seinen Bildern den Wandel der sozialistischen Planstädte Schwedt, Eisenhüttenstadt und Nowa Huta – ein Stadtteil von Krakau – im Zeitalter des Kapitalismus ein. Der Systemwandel hat sie weitgehend ihrer ursprünglichen Bestimmung als Siedlungen für ein großes Industriewerk beraubt: „Der Ofen ist aus, das Denkmal aber lebt weiter“, heißt es in einem der Begleittexte zu den Fotografien. Die Bilder, die sämtlich in diesem Jahr entstanden sind, werden im Museum „Utopie und Alltag“ in Eisenhüttenstadt im Rahmen der Ausstellung „Ohne Ende Anfang – Zur Transformation der sozialistischen Stadt“ gezeigt.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Der Letzte macht das Licht aus

          Die Schau ist der Stadtentwicklung der drei Industriestädte gewidmet und soll zugleich ein Laboratorium für die Zukunft sein. Ein Bild von Maleschka. zeigt einen Wohnblock in Schwedt, der mit einem Landschaftsbild bemalt ist. Das grüne Wandgemälde verschmilzt mit der Wiese vor dem Block. Die sozialistische Architektur scheint vom Boden aufgesogen zu werden, was sinnbildlich für den Umgang mit der sozialistischen Baukultur in den drei Städten ist. Dieser ist oft unbefriedigend, was an den Hörstationen deutlich wird, für die Bewohner der Städte interviewt wurden. Dort erzählt beispielsweise Thomas Zimmermann, 41 Jahre alt, geboren in Eisenhüttenstadt, von der Lage in der Region: „Von meiner Abschlussklasse sind noch zwei, drei Leute übrig. So um 2000 war der Punkt gekommen: Gehst du oder bleibst du und machst als Letzter das Licht aus?“ Eine bedrückende Aussage über einen Ort, der erst vor siebzig Jahren entstanden ist.

          Friedrich-Engels-Straße im II. Wohnkomplex in Eisenhüttenstadt, um 1957.
          Friedrich-Engels-Straße im II. Wohnkomplex in Eisenhüttenstadt, um 1957. : Bild: Walter Fricke/Stadtarchiv Eisenhüttenstadt

          Doch was sind die Gründe für die Veränderung der Planstädte? Die Stadtplanung in den Staaten des Warschauer Pakts beruhte auf der Charta von Athen, die 1933 formuliert wurde. In dieser wird nicht nur die gründerzeitliche Stadt mit ihre Mietskasernen abgelehnt, sondern der Bruch mit allen städtebaulichen Traditionen der Vergangenheit propagiert. Ziel war die Entwicklung einer Stadt für den „neuen Menschen“ und die Abschaffung von Klassenunterschieden. Nach dem Krieg wurde diese Ideen in der DDR angepasst und durch die „16 Grundsätze des Städtebaus“ weiterentwickelt.

          Ein grünes Sanssouci für die Arbeiter

          Damals wurde auch der Grundstein für eine Stadt gelegt, die in der Anfangsphase der DDR Vorbildcharakter hatte, Eisenhüttenstadt. Für das Eisenhüttenkombinat der „Stalinstadt“, wie die Neugründung zunächst hieß, wurde am 18. August 1950 der erste Axthieb gesetzt. Ein Jahr zuvor war Nowa Huta als Wohnort für die Arbeiter des Eisenhüttenkombinates bei Krakau entstanden. Dieses Projekt hatte eine besondere politische Dimension: die Kommunistische Partei Polens wollte neben das katholisch-konservativen Krakau ein Arbeiterzentrum errichten. Es wurden hierarchisch aufgebaute Siedlungsformen mit einem „politischen“ Zentrum entwickelt – Aufmarschplätze und breite Alleen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ausnahmsweise ohne Buch in der Hand: Buschmann im Sommer bei der Kabinettsklausur in Meseberg

          Die zwei Justizminister : Wer ist Marco Buschmann?

          Fußnoten-Liebhaber und Musikproduzent: Justizminister Buschmann pflegt eine widersprüchliche Selbstinszenierung. Wenn es um seine Überzeugungen geht, ist vom braven Aktenmenschen aber nicht mehr viel übrig. Dann kämpft er hart.

          2:1 gegen Australien : Argentinien zittert sich ins WM-Viertelfinale

          Im Achtelfinale gegen Australien ist Lionel Messi der entscheidende Mann. Beim 2:1-Sieg seines Teams macht er sein 1000. Pflichtspiel. Aber Messi ist nicht alles, was Argentinien bei dieser WM zu bieten hat.
          Französischer Doppeldecker über einer Industrieanlage im Ruhrgebiet: Die Besetzung wegen ausstehender Reparationszahlungen an die Siegermächte des Ersten Weltkriegs begann im Januar 1923 und dauerte bis 1925.

          Das Jahr 1923 : Das Weimarer Doppelgesicht

          Ruhrbesetzung, Hitler-Putsch, linke Umsturzpläne, nationalkonservative Attacken, Hyperinflation: Die Weimarer Republik überstand 1923 einige Gefahren. Fünf neue Bücher widmen sich diesem Jahr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.