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Ausstellung zu Datensicherheit : Der entgrenzte Mensch

Damit neue Technologien funktionieren, müssen wir unsere Daten preisgeben. Aber merken wir davon überhaupt etwas? Eine Ausstellung über Big Data und Verschlüsselung macht die Besucher zum Objekt.

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          Zwölf Meter ausgedruckte Sätze hängen von der Decke im Treppenhaus herab. Es sind die Geschäftsbedingungen von Facebook. Manch einer sagt, man brauche zweihundert Stunden, um sie ganz zu lesen. Wer sie aus der Nähe betrachten will, der muss die ersten digitalen Hürden im Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern schon genommen haben. „Ohne Schlüssel und Schloss? Chancen und Risiken von Big Data“ heißt die Ausstellung, die am Wochenende eröffnet wurde. Was eher nach einer theoriebehafteten Podiumsdiskussion klingt, wird im Museum angewandte Praxis. „Das Zentrum der Ausstellung ist der Besucher“, erklärt die Kuratorin Svenja Kriebel. Erfahrbar soll gemacht werden, was sich sonst im Verborgenen abspielt: die Erfassung unserer Daten.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Eigens für die Ausstellung wurde eine App kreiert, die als kostenloser Download jedem Besucher zur Verfügung steht. Sie erleichtert mit Empfehlungen und Informationen den Weg durch die Ausstellung – und speichert alle Daten, die wir ihr geben. Wer mit der Preisgabe seiner Daten geizt, der erhält am Ende zu bestimmten Räumen keinen Zugang. Die Datenerfassung wird auf diese Weise zum Instrument einer reaktivierten Klassengesellschaft. Je mehr Daten wir hergeben, desto größer sind (vermeintlich) unsere Privilegien.

          Die Ausstellung macht die schleichenden Prozesse der Entgrenzung in der digitalen Welt sichtbar, indem sie mit Kontrasten arbeitet. Am Eingang errät ein Programm zur Gesichtserkennung das Alter der Besucher. Wenige Schritte entfernt sind die ersten historischen Schlösser zu sehen. Hochkomplex konstruiert, veranschaulichen sie das Bedürfnis vergangener Zeiten, Dinge unter Verschluss zu halten und sie vor dem Zugriff durch andere zu schützen. Tagebücher, Poesiealben, mittelalterliche Minnekästchen, Geheimfächer in Sekretären – vielfältig war seit dem Mittelalter nicht nur der Weg der Verschlüsselung, sondern auch das, was verschlossen worden ist.

          Eine restlos entschlüsselte Welt

          Während die Besucher über den Erfindungsreichtum der Geheimhaltung staunen und Sargschlüssel, Kammerherrenschlüssel, Papstschlüssel begutachten, erfassen spezielle Kamerasysteme unbemerkt ihre Blickpositionen und errechnen, welches der Objekte den Benutzer am meisten interessiert. Ein Bodyscanner holt die Besucher aus dem Schutz der Verborgenheit und lockt mit neuen Technologien, die ohne die freiwillige Öffnung unserer Datenschlösser nicht funktionieren könnten. In ihrer Gegenüberstellung legt die Ausstellung nahe, dass wir heute jenseits analoger Kernbestände in einer restlos entschlüsselten Welt leben. Die digitale Auswertung ihres persönlichen Rundgangs erwartet die Besucher am Schluss der Ausstellung.

          In der interaktiven Kunst versteht sich das Museum als Lernort. Den Besuchern soll vor Augen geführt werden, in welchem Umfang ihre Daten erfasst werden. Die Frage, die sich hier aufdrängt, ist allerdings: Haben wir überhaupt eine Wahl? Ohne die datenbasierten Technologien ist ein Leben und Arbeiten in dieser Welt kaum möglich. Was also wäre die Alternative? Erklärtes Ziel der Ausstellung ist es nach Auskunft von Kriebel, einen kritischen Umgang mit dem zu schulen, was wir „Big Data“ nennen, und uns mehr mit unseren eigenen Daten zu beschäftigen. Doch tun wir das nicht längst?

          In anderen Dimensionen: Bodyscanner als Ausstellungsobjekt

          Wir kennen die Gefahren der digitalen Entschlüsselung. Trotzdem ändert sich nichts an unserem Benutzerverhalten – weil die Technik so bequem ist, weil sie entlastet, für Unterhaltung sorgt, unserem Sinn für Ästhetik schmeichelt. Auch aus diesem Grund ist Skepsis angebracht, ob die Enthüllung der Dateneinspeisung heute noch jemanden erstaunt oder gar abschreckt.

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