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Ausstellung über das Vulgäre : Die vielen Freuden des „too much“

Das Vulgäre als Aufstand des Sinnlichen gegen die Ästhetik der Entsagung: Ein goldener Lamborghini auf dem Kurfürstendamm Bild: Jens Gyarmaty

Eine Londoner Ausstellung über Mode fragt, warum uns das Vulgäre so abschreckt und so begeistert – und liefert einen Schlüssel zu dem, was gerade alles passiert.

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          Eigentlich ist dies nur eine schöne, kluge Ausstellung über Mode. Es geht um Kleider, die dadurch auffallen, dass sie zu eng, zu breit, zu schrill, zu geschmacklos sind, dass sie in den herrschenden Konsens der schmalgeschnittenen, beigen und grauen und reinen und feinen und blutleeren und unterkühlten Formen hineinplatzen wie die Farbbomben aus einem Paintball-Gewehr. Falsche Fingernägel, übergroße Vuitton-Symbole, falsche Haare, zu weit Ausgeschnittenes, zu Goldenes, zu viel Muskeln: Es geht um das, was man „vulgär“ nennt. Aber jetzt geraten die Kuratoren, der Psychoanalytiker Adam Phillips und seine Co-Kuratorin Judith Clark, mit ihrer Ausstellung, die lange vor Trump und vor dem Brexit geplant war, und mit ihrem Versuch einer Rettung des Vulgären in ein politisch-kulturelles Erdbeben hinein.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Aber muss das Vulgäre wirklich gerettet, neu definiert werden, hat es nicht gerade alle Wahlen gewonnen, ist es nicht eh schon überall?

          Dass die Londoner Ausstellung eine solche Beachtung findet, dass man in ihr den Schlüssel zum Durchmarsch des Vulgären sucht, liegt vielleicht nicht nur daran, dass Amerika gerade gegen alle Wahrscheinlichkeit seinen größten Selbstvergolder zum Präsidenten gewählt hat, sondern auch an ein paar anderen Ritualen, die sich die Leute aus den Rostgürteln der großen Städte als Überraschung für das Establishment ausgedacht haben.

          So viel Vergnügen

          Als der Abgeordnete Tim Eustace mit seinem Elektroauto auf die New Jersey Turnpike fuhr, donnerte plötzlich ein Monster-Truck an ihm vorbei, wenig später war Eustace in einer schwarzen Rußwolke verschwunden. Man nennt das „Rolling Coal“; viele Fahrer amerikanischer Trucks lassen ihre Motoren so manipulieren, dass sie auf Knopfdruck aus den Auspuffrohren riesige Rußfahnen in die Luft schießen und den Hintermann komplett einrußen können, was sie besonders gern bei Hybridautos tun. Auf Antrag von Eustace wurde „Rolling Coal“ in New Jersey für illegal erklärt, in Colorado scheiterte eine solche Verordnung am Widerstand der Abgeordneten: Dreck in die Luft blasen gilt da nicht als vulgär, sondern als möglicher Ausdruck der Pursuit of Happiness.

          Es ist zu einfach – das ist das Argument dieser Ausstellung –, alles, was man als vulgär bezeichnet, als Ausdruck der Verrohung und einer ungehemmten, gewalttätigen Freude an der Erniedrigung der anderen durch die Zurschaustellung seiner Überlegenheit, Kraft oder seines Wohlstands zu verurteilen. Erniedrigt der mit goldener Spiegelfolie beklebte Rolls-Royce, den der erfolgreiche Rapper in der Bronx parkt, die dortigen Armen – oder wirkt er nicht eher wie ein Beutestück, das die Armen den Eliten entwenden konnten und sich angeeignet haben? Und sind wir wirklich nur angeekelt von Vulgären? Das Problem ist, schreiben Phillips und Clark, dass uns das Vulgäre „so much pleasure“, so viel Vergnügen macht.

          Das Vulgäre als Karikatur des guten Geschmacks

          Aber warum?

          Das Vulgäre kommt vom lateinischen Vulgus – das einfache Volk – und von volgare, dem Öffentlichmachen. Es geht um das aufdringliche Zurschaustellen von Reichtum, Muskeln, Brüsten, Lautstärke, wie es einer sich als zivilisiert empfindenden Zurückhaltung widerspricht.

          Lustigerweise bezeichnet „vulgus“ ursprünglich auch das Einfache und Schlichte – also genau das, was das Vulgäre nicht ist.

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