https://www.faz.net/-gqz-7bcgx

Ausstellung „Social Fabric“ : Manchmal stürzt in Bangladesch eine Fabrik in sich zusammen

  • -Aktualisiert am

In seinen Arbeiten beschäftigt sich Prabhakar Pachpute mit Bergwerksarbeitern: Eine Skizze für die Berliner Schau Bild: Foto Pachpute

Die Sache mit der Baumwolle: Ausbeutung in der Textilindustrie findet niemand gut - wie macht man daraus eine Ausstellung? Die ifa-Galerie in Berlin versucht einen kritischen Überblick zu geben.

          Was nicht alles am Baumwollfaden hängt. Der Aufstieg der britischen Ostindien-Kompanie zur Weltmacht, die industrielle Revolution, die mit der Mechanisierung von Webstühlen in England begann, und das daraus folgende Elend der Textilarbeiter, die Sklaverei in Amerika und das Bemühen um ihre Abschaffung, der Amerikanische Bürgerkrieg also - all diese Historien sind mit dem Baumwollstrauch und seiner Nutzung so eng verwoben wie Kette und Schuss. Noch heute sind ganze Nationen von dem Rohstoff und seiner Verarbeitung abhängig. Als Käufer der Endprodukte bekommt man davon wenig mit. Manchmal stürzt irgendwo in Asien eine Textilfabrik in sich zusammen, wie kürzlich in Bangladesch, dann überlegen die Verbraucher in den entwickelten Ländern, ob T-Shirts für fünf Euro weiter tragbar sind, und kaufen erst mal lieber welche für sechs.

          Die Globalisierung der Textilwirtschaft zum Gegenstand einer Ausstellung zu machen ist also potentiell eine spannende Angelegenheit. In der ifa-Galerie, dem Ausstellungsraum des Instituts für Auslandsbeziehungen in Berlin, will man mit der Schau „Social Fabric“ Verknüpfungen zwischen Gegenwart und Vergangenheit aufzeigen und die Transfers von Rohstoffen, Techniken und Mustern nachverfolgen, zwischen Mutterland und Kolonie, Erster und Dritter Welt. Entwickelt wurde das Ausstellungskonzept von Grant Watson am International Institute of Visual Arts in London, nach Lund in Schweden und Mumbai ist Berlin die vierte Station. Im Ausstellungsraum in der Linienstraße hat die Künstlerin Céline Condorelli knallrote Metalltische aufgebaut, unter Glas liegen Stoffmuster aus Indien für den englischen Hausgebrauch um 1850 und hübsche Fabriketiketten von Baumwollproduzenten. In beiden Ländern führte die Textilindustrie zu Umwälzungen, trieb die Inder vom Land in die Städte und die englischen Weber von ihren Heimwerkstätten in die Fabriken. Friedrich Engels’ Studie „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ liegt, gebunden in ein schönes, kräftiges Rot, daneben.

          Stadtlandschaft aus Fabriken und Hochhäusern

          Man kann darin blättern, so wie man auch die an gelbe Metallblenden gepinnten Texte über das ehemalige Textilviertel Lower Parel in Bombay und sein Schicksal lesen kann, aber wer liest schon gern lange Texte in Ausstellungen, noch dazu im Stehen? Alternativ könnte man den Stimmen lauschen, die aus Lautsprechern dringen, von Schauspielern nachgesprochene Oral History aus Lower Parel, doch auch das macht wenig Sinn, denn die Stimmen sind zu leise, die Geschichten zu viele und zu wenig pointiert. Dass das also niemand tun wird, ist dem Ausstellungsmacher offensichtlich egal, die Ernsthaftigkeit und den Anspruch seiner Schau verwechselt er mit der Menge an Information, die darin ausgebreitet wird. Es ist eine um sich greifende Marotte von Kuratoren, dem Ausstellungsbesucher ganze Archive beziehungsweise Handapparate aus Büchern, Ordnern und Mappen vorzusetzen, als müssten die Ergebnisse der kuratorischen Arbeit von den Besuchern erst noch einmal nachvollzogen werden, bevor sie sich den Werken selbst widmen dürfen. In „Social Fabric“ muss dieser Lektürekurs aber auch deshalb absolviert werden, weil die Werke nicht für sich bestehen können.

          Ein Bild des indischen Malers Sudhir Patwardhan zeigt Lower Parel, wie der Künstler es in den späten siebziger Jahren kennenlernte. Ein eigentümlicher Stil ist das, ein wenig sozialistischer Realismus, ein wenig Illustration, ein wenig Plakatmalerei. „Lower Parel“ zeigt eine Straßenszene mit Indern in einer perspektivisch seltsam zusammengeschobenen Stadtlandschaft aus Fabriken und Hochhäusern. Genaueres lässt sich darüber nicht sagen, denn statt des gemalten Originals von 2001 gibt man sich mit einer Reproduktion zufrieden. Die Einbettung in eine Art Wandzeitung aus Computerausdrucken nivelliert das Gemälde, macht es zur Illustration eines Sachverhalts. Die raumgreifendste und komplexeste Arbeit steuert Alice Creischer bei, sie stammt aus dem Jahr 2005 und lässt sich am ehesten als Installation beschreiben: Mit Bleistiftzeichnungen behängte Stoffbahnen, Mobiles und aus Papier geschnittene Schirme auf Metallstangen verarbeiten die Begegnung der deutschen Künstlerin mit einem Bettler in Indien.

          Alice Creischer: Apparat zum osmotischen Druckausgleich von Reichtum bei der Betrachtung von Armut, 2005, Courtesy: KOW Berlin Bilderstrecke

          Die Arbeit, souffliert das Begleitheft, „thematisiert die Politik der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds; das Thema Schulden wird angesprochen ebenso wie das derzeitige Wirtschaftssystem“. Das liest man und sucht in der Installation nach diesen großen, großen Themen, aber man findet sie nicht. Die Papiercollagen sind nicht ohne Reiz, die Zeichnungen scheinen etwas mit Silberminen zu tun zu haben. An der Wand längs der Installation hängen Bilder, meist Fotografien, daneben Symbole, mit denen man sie Einträgen in einer Art Handbuch zuordnen kann: „Säulenmuster aus der Audienzhalle Akbars“, „Brief an Collectivo Situationes, Berlin 2005“, „anthropometrische Aufnahmen von Samoanerinnen“. Das Handbuch verspricht Erklärungen, nennt sich Legende und füllt eine weiche Plastikmappe, wie man sie an der Universität zum Abheften von Seminararbeiten verwendet hat. Wer darin blättert, stößt auf Textblöcke, die offenbar bei der Recherche der Künstlerin anfielen und sich mit dem Opiumhandel beschäftigen, der Silberschwemme und einigem mehr. Es stecken wohl Ideen darin, interessante Querverbindungen und Transfers, aber man erkennt sie nicht, soll es vielleicht auch nicht. Der „Apparat zum osmotischen Druckausgleich von Reichtum bei der Betrachtung von Arbeit“ bleibt kryptisch und selbstreferentiell. Er teilt das Schicksal der Ausstellung, die sich an einem ganz großen Gewebe versucht, aber am Ende doch verheddert.

          Weitere Themen

          Schlupfloch ins richtige Leben

          Hindsgavl Festival Dänemark : Schlupfloch ins richtige Leben

          Beim Hindsgavl Festival in Dänemark trifft sich inzwischen die Elite der europäischen Kammermusik. Der Gast taucht ein in eine unverwechselbare Synthese aus Musik, Natur und ökologischer Gastronomie.

          Topmeldungen

          Konkurrenz lauert : Herbe Enttäuschung von Netflix

          Der Videodienst gewinnt weniger Kunden als erwartet. Auf seinem Heimatmarkt schrumpfen die Abonnentenzahlen sogar. Die Aktie verliert deutlich an Wert, denn die Sorgen werden auch in Zukunft nicht weniger.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.