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Ausstellung : Sex und Alkohol - zeitgenössische Kunst aus Russland

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"Davaj!" - "Vorwärts!" lautet eine Ausstellung, die eben in Berlin eröffnet wurde und radikale Kunst aus Russland vorstellt.

          Es sollte russische Gegenwartskunst gezeigt werden - und nicht nur die aus Moskau. Das war das Ziel einer mehrköpfigen Kuratorenriege, die ihre unortodoxe Auswahl nun in Berlin und später in Wien vorstellt.

          Russische Kinderzimmer sind ein wilder Stilmix. In den Lüften kreist das Flugzeug von Kreml-Flieger Matthias Rust, am Boden verstauben Jelzin-Biographien einträchtig neben Lenin-Schinken, und im Nebenraum steht eine Krankenliege, auf der die russische Flagge aufgebahrt ist. Wie ein Trödelmarkt der alten Sowjetunion wirkt dieses kleine „Museum der Russischen Supermaus Iwan Frosch“ von Alexander Schaburow aus Jekaterinburg in der Ausstellung „Davaj! Aus dem Laboratorium der freien Künste in Russland“, die eben im Berliner Postfuhramt eröffnet wurde.

          Respektlose Frostnasen-Künstler

          Von Kaliningrad bis Wladiwostok haben sich die Kuratoren der Schau auf die Suche begeben nach junger frecher russischer Kunst - und sind fündig geworden. „Eine Abenteuerreise“ sei es gewesen, gesteht der Künstlerische Leiter der Schau, Peter Noever. Vor allem die russische Peripherie haben der Leiter des Wiener Museums für Angewandte Kunst und seine Mitstreiter ins Visier genommen. Den weitesten Weg hat eine russische Künstlergruppe aus Nowosibirsk namens „Die Blauen Nasen“ auf sich genommen. Die Fotomontagen zeigen unter anderen George Bush, Wladimir Putin und Osama Bin Laden, wie sie mit ihrem „Gemächt“ aus einem Birkenast spielen und so ihre jeweilige Macht demonstrieren.

          Die Videoinstallation „Kino Nowosibirsk“ liefert eine fiktive Wochenschau des alltäglichen russischen Wahnsinns: mit der Kamera festgehaltene Momentaufnahmen, die Sex und Alkoholismus als eigentliche „zeitgenössische Kunst“ dieser Gegend darstellen.

          Kunst privat

          Hinter den „Blauen Nasen“ verbirgt sich das Künstlertrio Dmitrij Bulnygin, Wjatscheslaw Misin und Konstantin Skotnikow. In aggressiv-zynischer Weise setzen sie sich mit den Verwerfungen der russischen Gesellschaft auseinander und spielen dabei am liebsten mit westlichen Klischees über Osteuropa. „Unser Zynismus ist natürlich: eine Flasche Wodka und scheiß auf euch alle“, heißt es in der Selbstdarstellung im Katalog. Wie die meisten Künstler der Schau betreiben die drei die Kunst nicht-kommerziell, finanzieren sich durch „bürgerliche Jobs“. In ihrer sibirischen Heimat zeigen sie die Werke nur in kleinen Zirkeln.

          Vor allem die Beschäftigung mit regionalen Besonderheiten ist in den vergangenen Jahren in der russischen Kunstszene in Mode gekommen. Eine Soundperformance des Königsberger Künstlers Dmitrij Bulatow thematisiert den seiner Meinung nach speziell in seiner Heimatstadt vorherrschenden Militarismus in der Sprache der Menschen.

          Töne für die Ewigkeit

          Weniger eindeutig lokalisierbar und fast beliebig wirken dagegen viele der übrigen Objekte der „Davaj!“-Schau. Die Gruppe Radek aus Moskau hat ein Keyboard in einer Ecke postiert und klärt den Betrachter auf: Wenn jeder Mensch einen Ton anschlage, dauere der Akkord ewig. Die aus Karton gefertigten Skulpturen der Künstlerin Marina Koldobskaja stiften so sehr Verwirrung, dass selbst Fachbesucher am Eröffnungstag danach fragten, wann die Künstlerin denn ihre Objekte „auspacken“ wolle.

          Immerhin: Ohne Gebrauchsanweisung dürfte das Projekt „Buried Treasures“ (Verborgene Schätze) der Moskauer Künstlerin Tatjana Hengstler auskommen. Ihre Farbfotos auf Aluminium sind doppelseitig mit Chromason überzogen und können per Handfön sichtbar gemacht werden.

          Einen „vitalen Moment“ der jungen Kunstszene des Landes wollte man einfangen, betonte Peter Noever, bei der Eröffnung der Schau. Eine Bestandsaufnahme der zeitgenössischen russischen Kunst solle die Ausstellung nicht sein. Diese folgt möglicherweise im Herbst 2003 mit der groß angelegten Schau „Berlin-Moskau 1950-2000“.

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