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Ausstellung : Offensive Partnerschaft: "Art & Economy" in den Deichtorhallen Hamburg

  • -Aktualisiert am

Günther Willich, Sprecher von Nordmetall: "Kulturförderung kann Wirtschaftsförderung sein" Bild: dpa

Dem vielfältigen Beziehungsgeflecht zwischen Kunst und Wirtschaft widemt sich die Ausstellung "Art & Economy" in den Hamburger Deichtorhallen.

          Kultur und Wirtschaft sind heute engmaschig miteinander verknüpft. Während Unternehmen zur Image- und Absatzförderung auf das sinnlich-reflexive Potenzial der bildenden Kunst setzen, machen sich Künstler ökonomische Strategien zu eigen. In der Nachhut von Pop-Ikone und Selbstvermarktungsgenie Andy Warhol tritt die jüngere Künstlergeneration dazu an, das System der Wirtschaft von "innen" heraus für ihre ästhetischen Zwecke zu nutzen.

          Um die schillernden Wechselbeziehungen zwischen Kunst und Wirtschaft kreist die Schau "Art & Economy" in den Hamburger Deichtorhallen. Entstanden in Kooperation mit dem Siemens Arts Program, zeigt sie rund 40 internationale Künstlerpositionen, bei denen wirtschaftliche Prozesse auf unterschiedlichste Weise thematisiert werden. Parallel wird das vielfältige Kunst-Engagement von Firmen dokumentiert, das vom Sponsoring bis hin zur Sammlungstätigkeit reicht.

          Image-Transfer und Doppelbödigkeit

          Als "gefährliche Liaison" ist die Verbindung zwischen Kunst und Kommerz oft problematisiert worden. Die Gefahr des Verlusts von künstlerischer Autonomie wird gern beschworen. Ebenso wie das Horrorszenario einer absoluten Vereinnahmung der Kultur durch wirtschaftliche Interessen. Tatsächlich durchdringen ökonomische Strukturen längst die Gesellschaft auf allen Ebenen. Eine Situation, auf die gerade junge Künstler zusehends offensiv reagieren. Die zwischen New York und Berlin pendelnde Swetlana Heger, 1968 geboren, ist eine der Protagonisten des Ausstellungsparts "Wirtschaftsvisionen", wo Künstler in Kooperation mit Unternehmen ihrer Wahl neue Projekte für die Schau entwickelt haben.

          Künstlerische Intervention der anderen Art: Matthieu Laurette hat sich durchgefuttert

          Für ihr Work-in-Progress "Playtime" hat sich Heger in Zusammenarbeit mit mehreren Firmen ein künstliches Image als trendige "Gegenwartskünstlerin" verpassen lassen. Sie posiert im orange-gemusterten Designerkleid eines in New York operienden italienischen Modehauses. Eine "Werbeplattform" in der Ausstellungshalle ist mit edlem Eames-Mobiliar und schick-exaltiertem Löwenfell drapiert. Als Gegenleistung für ihre publicity-wirksame Platzierung, zu der auch eine PR-Kampagne gehört, erhalten die beteiligten Sponsoren eine künstlerisch veredelte Präsentationsfläche.

          "Art is making money", gab Andy Warhol einst zum Besten. Es ist eine schlichte Wahrheit, dass Kunst als Produkt ohne den Markt nicht existieren kann. Doch scheint es, als gäbe es jetzt eine neue Art des Miteinanders, die Heger als "Partnerschaft" umschreibt, bei der Firmen gezielt in den künstlerischen Prozess einbezogen werden. Und: Bei "Art & Economy" entdeckt man immer wieder Künstlerpositionen, die die ökonomischen Bedingungen der Kunstproduktion offenlegen.

          Matthieu Laurette und die Geld-zurück-Garantie

          Gleich am Eingang der Ausstellung werden Besucher mit der erschreckend echt wirkenden Gestalt des französischen Künstlers Matthieu Laurette konfrontiert. Sie besteht aus Wachs und schiebt einen überbordenen Einkaufswagen vor sich her. Zehn Jahre lang hat sich Laurette auf Kosten der Geld-zurück-Garantie, wie sie in Frankreich, England und Amerika gegeben wird, durch die Supermärkte gegessen und einen angenehmen Lebensstandard genossen. Seine Tipps für das indirekt durch den Hersteller finanzierte Shopping verbreitete er in zahllosen Talkshows, wurde damit zum Kultstar mit Titelseite in renommierten Blättern wie "Le Monde". Das traditionsreiche Pariser Wachsfigurenkabinett nahm ihn deshalb in seine Sammlung auf.

          Mittlerweile beschäftigt sich der Post-Konzept-Künstler mit anderen Projekten, beispielsweise mit der Frage nach der Bedeutung von Staatsbürgerschaft und deren "Wert", auch in geschäftlicher Hinsicht. Sein Spiel mit dem Produktsystem sieht er als "aktives" Sicheinbringen, das im Widerspruch zum passiven Konsumententum steht. Eine Art subversives Unternehmen, dass von "innen heraus" bestehende Strukturen aufmischt.

          Inzwischen wählen Künstler ihre Partner

          Laurette ist im Ausstellungsteil "Economic Turn" vertreten, in dem Künstler - unter anderen auch "Klassiker" wie Clegg & Guttmann, General Idea, Öyvind Fahlström - präsentiert werden, die sich auf die eine oder andere, teils recht kritische Weise mit ökonomischen Prozessen auseinander setzen. Ein dritter Teil mit dem Titel "Art Stories" rückt das Engagement von Unternehmen für die Kunst in den Blick. Besucher können sich im Lese- und Videoraum über deren Aktivitäten informieren, eine überraschend "untrockene" und vielfältige Darstellung, die durchaus auch eine Ernsthaftigkeit im wirtschaftlichen Umgang mit der Kunst reflektiert.

          Was ebenfalls in der interessanten Schau vermittelt wird, ist dass Künstler nunmehr das Geschäft beherrschen, sich die "Partner" zu wählen, die sie für die Herstellung ihrer Produkte brauchen. Wenn umgekehrt die Geschäftswelt ihren ästhetischen Neigungen in Zukunft eine eigene künstlerische Form geben würde, wäre das nur konsequent.

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