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Fotografien von Roger Melis : So still war das Land gar nicht

Der Bildergeschichtenerzähler, der die Kunst der feinen Unterschiede beherrschte: Eine Berliner Ausstellung zeigt Fotografien von Roger Melis. Er porträtierte die Ostdeutschen, wie sie wirklich waren.

          3 Min.

          Der Titel dieser außergewöhnlichen Ausstellung passt nur scheinbar zur gerade irrlichternden Diskussion über das rätselhafte Wesen der Ostdeutschen. Denn hier geht es weder um Abgehängte noch um ein nachträglich konstruiertes Staatsvolk, schon gar nicht um erlittene Demütigungen oder vermeintliche Ignoranz, es sei denn die lebensfremder Funktionäre. Die große Retrospektive der DDR-Fotografien von Roger Melis ist im Prinzip ein antikollektivistisches, unverklärtes Gegenbild mit Hang zu Stolz und Eigensinn. Ein Gegenentwurf zu aktuellen, zum Teil grotesken Verzerrungen mit sozialtherapeutischem Unterton.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Sie meint Zeit und Raum, in dem die abgebildeten Personen lebten, zeigt ihren Alltag genauso wie ihre Arbeitswelt – in der Kunst, in der Fabrik, der Landwirtschaft, für den Wald; in Berlin, in der Provinz, im Dorf – mit besonderen Ereignissen, offiziellen und privaten, mit melancholisch schönen Landschaften genauso wie die Folgen brutaler Industrialisierung ebendort. Eine Zeitkapsel, die drei Jahrzehnte einschließt und durchaus als komplexes Porträt eines Landes und seiner sehr unterschiedlichen Bewohner gemeint ist.

          Der Titel „Die Ostdeutschen“ zitiert eher Melis’ Vorbilder und Anregungen, wie Robert Franks „Die Amerikaner“ oder René Burris „Die Deutschen“. Nur ist diese Ausstellung nicht Ergebnis eines Projektes, hat hier Kurator Mathias Bertram, der auch der Nachlassverwalter von Melis ist, aus Tausenden Fotografien eine Auswahl getroffen, die nicht streng chronologisch vorgeht, sondern in einundzwanzig Kapiteln erzählt, wie Roger Melis die DDR und ihre Gesellschaft sah.

          Sonntagnachmittag, Bitterfeld, 1974 Bilderstrecke
          Fotografien von Roger Melis : So still war das Land gar nicht

          Die hundertsechzig Bilder aus dem schier unerschöpflichen Nachlass des 2009 früh verstorbenen Fotografen, viele zum ersten Mal zu sehen, sind Dokumente einer endgültig vergangenen Zeit. Nur ab und zu sind bekannte offizielle politische Symbole und Rituale wie Paraden oder Parteitage zu entdecken, was in etwa deren Bedeutung für das wahre, das alltägliche Leben entsprach. Wie die Armeeoffiziere von 1965 etwa, mit den Säbelchen an der Hosennaht; es sind forsche Herren, Sieger irgendwie. Ihre Uniform erinnert an ganz andere, an ungute Zeiten, doch gefeiert wird hier pflichtschuldigst der Sieg der Sowjetarmee über Hitlerdeutschland.

          Die uniforme Mai-Demonstration von 1970 wird erst interessant, wenn man begreift, dass die an die Menge Bonbons verteilende Dame im geschniegelten Cabrio (mit Chauffeur) Helene Weigel ist. Und Melis’ vertraut und heftig diskutierende Arbeitergruppe – Angehörige der angeblich „führenden Klasse“ – aus einem Karl-Marx-Städter Betrieb sieht nicht so aus, als ginge es diesen Männern um die sogenannten Keime des Neuen, die zu entdecken ihnen irgendein SED-Funktionär gerade aufgegeben hat.

          Abneigung gegen Kunstwillen und Künstlichkeit

          An diesen wie an anderen Bildern fasziniert das Individuelle, das Einzigartige, das Roger Melis in jedem Fotografierten, ob berühmter Schriftsteller oder alte Bäuerin, Funktionär oder verfemter Musiker, erkannte. Es sind keine schnellen Fotos, so en passant oder im vermeintlich einzig richtigen Augenblick entstanden, sondern nach genauer, einfühlsamer Beobachtung, nie inszeniert, obwohl das lange üblich war. „Ich habe eine Abneigung gegen Kunstwillen und Künstlichkeit in der Fotografie“, hat der große Fotokünstler notiert, ein Menschenkenner und Meister der „diskreten Indiskretion“. In den Reinbeckhallen in Berlin-Oberschöneweide kann man sich davon überzeugen.

          Mathias Bertram hat die riesige, historische AEG-Fabrikhalle mit sieben Meter langen Querwänden in gut verträgliche Räume unterteilt und die einzelnen Kapitel nach thematischen Schwerpunkten geordnet, beginnend mit Porträtserien, für die Melis berühmt war, über Reportagen bis zum Langzeitprojekt „Das Dorf“. Selten wird man Anekdotisches entdecken, nicht in den verwinkelten, winterlichen Gassen von Meißen, nicht bei der Hausschlachtung oder bei den stolzen Holzfällern im Wald. Nicht einmal bei Paraden der Roten Armee, die nur Hintergrund ist für eine erschöpfte Familie, die am Rande sitzt und vielleicht zwangsläufig, der Panzer wegen, ihren Sonntagsspaziergang unterbrochen hat. Die Panzerkommandeure grüßen markig ins Irgendwo und beklatschen sich selbst.

          So ist, ganz im Sinne von Roger Melis, der sich als Bildergeschichtenerzähler verstand, ein Gesellschaftsporträt entstanden, das zwar eine ewige Nachkriegszeit zeigt und natürlich den Verfall. Doch mittendrin selbstbewusste Menschen und skeptische, stolze und verzagte und überwältigend freie Kinder. Der wunderbare Katalog ist eigentlich zweibändig, denn der lange vergriffene, höchst erfolgreiche Bildband „In einem stillen Land“ gehört, weil neu aufgelegt, dazu.

          Mathias Bertram hat dazu ein empfehlenswertes Nachwort geschrieben, das kenntnisreich von Roger Melis, seiner Ästhetik, seiner Neugier und seiner Haltung zu Land und Leuten erzählt. Dessen Titel, „Stilles Land“, ist zuweilen missverstanden worden, weil das Land so still nicht war. Doch er zitiert, frei, ein Lied von Wolf Biermann, das mit den Zeilen endet: „Die Menschen noch immer wie tot / Still. Das Land ist still. Noch.“ Die letzten Bilder der Ausstellung zeigen den ersten „Tag der Deutschen Einheit“, als sich diese „Stille“ aufgelöst hatte und laute Begeisterung, nach erfolgreicher Revolution, den Ton vorgab. Nur wer genau schaut, entdeckt an einer schwarzrotgoldenen Flagge einen Trauerflor.

          Roger Melis: Die Ostdeutschen. Fotografien aus drei Jahrzehnten. Reinbeckhallen, Berlin. Bis 28. Juli 2019. Die beiden exzellent gestalteten Bildbände (Lehmstedt Verlag) sind zweisprachig, mit je 169 Duotone-Abbildungen; sie kosten einzeln je 28, im Schuber 46 Euro.

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