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Ausstellung : "Mein Lieblingsmuseum" - Pipilotti Rist vor ihrem Auftritt in Utrecht

  • -Aktualisiert am

Pipilotti Rist überreicht den „Clip 2001” Bild: Berlin Picture Gate

Pipilotti Rist ist ein Star unter den Videokünstlern. FAZ.NET hat hinter die Vorhänge ihrer Schau in Utrecht geblickt. Ein Werkstattbericht.

          Die jüngste Arbeit entsteht unter Hochdruck: Pipilotti Rist klatscht in die Hände vor Freude, als sie merkt, dass der Rechner ihre eben geschossenen Bilder verarbeitet. In der Rechenphase hat sie Zeit zu reden. Offen, ungeschminkt, etwas blass, aber fröhlich und energiegeladen, barfuß, mit Arbeitsschürze und einem T-Shirt voller Schmetterlingen. Die Lady unter den europäischen Videokünstlern hält sich seit drei Wochen in der holländischen Universitätsstadt Utrecht auf.

          Künstlerstars der jüngeren Generation haben einen Tross. Sie arbeiten im Team. So auch „Everybodys Darling“ Pipilotti. Im Centraal Museum arbeitet sie mit zwölf Assistenten an ihrer jüngsten Einzelausstellung. In ihrem Lieblingsmuseum, „unter optimalen Bedingungen“, wie sie sagt. Ältere Arbeiten werden in sieben Projekträumen zu sehen sein. Damit greift die Künstlerin mit ihren Installationen den unmittelbaren Dialog mit den historischen Sammlung des Hauses auf, das in einer mittelalterlichen Klosteranlage hinter einem supermodernen Eingang residiert.

          Selbst hartgesottene Kritiker gerieten vor vier Jahren ins Schwärmen, als die heute 39-jährige Schweizerin auf der Biennale von Venedig mit ihrer Projektion „Ever is over all“ alle Herzen brach. Im Film zerschmetterte sie mit voller Wucht die Scheiben parkender Autos. Ihr Werkzeug: eine frisch gepflückte Blume. Pipilottis unverhohlene Geste wirkte wie ein freundlicher Schlag ins Gesicht männlicher Autofetischisten. Mit ohrwurmverdächtigen Lust-Sounds unterlegt, hatte Pipilotti alle Sympathien auf ihrer Seite.

          Ein Atelier auf Wanderschaft

          Höhepunkt der bevorstehenden Ausstellung in Utrecht wird ein dreiteiliges, großes Video-Opus sein, das auf die mittelalterliche Kapelle der musealisierten Klosteranlage zugeschnitten ist. Zwar ist es 48 Stunden vor der Eröffnungsparty noch nicht ganz fertig, aber immerhin trägt es schon einen Namen: „Pipilotti Rist 54“. Ein veränderter Zustand deutet sich an, den die Künstlerin im Titel der Ausstellung noch einmal anspricht: „Pipilotti Rist 54“. Die Künstlerin ist schwanger. Ohne weiteren Kommentar markiert sie den 54. Tag. Keine geringe Fußnote im Werk einer Künstlerin, das seit 15 Jahren um Weiblichkeit und Körper kreist.

          Aus dem Jahr 1986 stammt auch die älteste Arbeit der Ausstellung: „I'm Not The Girl Who Misses Much“. Pipilotti hat einige Bilder des Utrechter Barock ausgewählt, die ihr Video in einem geschlossenen Raum begleiten: Adelsporträts, ein Christus als Schmerzensmann, ein Küchenstillleben mit Fischen, das symbolisch für Sexualität steht, aber auch einige japanische Holzschnitte aus Tokios Freudenhausviertel. Im Videokasten tanzt eine junge Dame mit ausgeschnittenem Kleid hysterisch nach mickey-mouse-artig verzerrten Klängen von „Happiness is a Warm Gun“ von John Lennon und Paul McCartney. An den Wänden werden Macht und Elend im Leben einiger Männer deutlich, die Frauen zu Abhängigen gemacht haben.

          Blass, aber voller Energie

          Pipilotti deutet auf eine riesige Gardinenspirale, die von der Gewölbedecke der Kapelle hängt. Man kann in die Gazeblase hineintreten. Dabei wird man Teil eines sich langsam im Raum bewegenden Bilderlebnisses: Eine Frau fällt hin, nackt, mit langem blonden Haar. Und sie steht wieder auf, mit ausgebreitetem Gestus, wie Christus am Kreuz. Die Blonde steht für den Menschen schlechthin, erklärt Pipilotti ihre ersten sichtbaren Bilder einer noch unvollendeten Arbeit. Natürlich verarbeitet sie christliche Themen, auch wenn man das nicht sofort merkt. Normalerweise filmt sie sich in solchen Situationen selbst. Ihr ist es peinlich, andere für Nacktaufnahmen anzufragen. In Utrecht aber hatte sie Zeit, zu einer jungen Holländerin Vertrauen zu fassen.

          Alles offen, bis zum Schluss

          An einer mobilen Computerstation werden noch die Projektionsbahnen bestimmt, auf denen ein Video langsam über den Himmel der Kapellengewölbes ziehen soll. Mit fleißiger Akribie werden daneben gemusterte Gardinenstreifen aneinander genäht, die Pipilotti als elliptische Projektionsfläche im Raum lieber sehen möchte, als die glatte Version, die schon an Ort und Stelle hängt. Zugleich entsteht der Soundtrack zum Film. Klavier. Die gotischen Kapellenfenster glühen schon in buntem Patschwork aus gemusterten Stoffen, die Bürgerlichkeit ausdrücken und doch so feierlich wirken, als wären es mittelalterliche Glasfenster.

          Störend war bisher nur, dass das Museum um 18 Uhr schließt. Allein an den beiden letzten Tagen bleibt dem Team bis morgens um 6 Uhr Zeit. Einen Tag vor dem Start sind Konturen sichtbar, aber vieles kann sich noch ändern. Das Ergebnis ist offen, bis an diesem Donnerstag die ersten Gäste kommen.

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