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Ausstellung in Paris : Unsere Brüder Humboldt!

Alexander von Humboldt im Porträt von Henry William Pickersgill, 1831. Bild: Katalog Pariser Observatoire

Hans Magnus Enzensberger erklärte den Naturforscher Alexander von Humboldt zum Titanen, Daniel Kehlmann schilderte ihn als Kauz: Jetzt zeigt eine Pariser Schau ein reiches Bild von ihm und seinem Bruder Wilhelm, dem Staatsmann und Gelehrten.

          Durfte der das? Ja, er durfte. Das ist ja das Schlimme, das Unfassbare: dass da ein junger, effekthascherischer, um die ernsthafte, weltweite Humboldt-Forschung unbekümmerter Schriftsteller kommen konnte - Daniel Kehlmann - und mit einem einzigen unglaublichen Romanerfolg - „Die Vermessung der Welt“ - aus dem Heros Alexander von Humboldt eine Gelehrtenkarikatur machen konnte, einen Fliegenbeinzähler, einen Wieger und Messer, einen positivistischen Kauz.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Kehlmannisierung des Humboldt-Bildes sitzt der Humboldt-Forschung auch bald zehn Jahre nach Erscheinen der pfiffigen Fiktion noch in den Knochen. Das spiegelt sich - sehr produktiv, gleichsam als ein Stück Wirkungsgeschichte der „Vermessung der Welt“ - auch in der Ausstellung wider, die jetzt in der Pariser Sternwarte über die Humboldt-Brüder zu sehen ist.

          Der Absturz ins Kehlmanneske

          Inwiefern produktiv? Zum einen weil hier gerade die anthropologische Obsession der Humboldts hinter den Einzelbefunden fassbar wird, das, was Alexander und Wilhelm bei aller empirischen Detailtreue als die Öffnung zum „Ganzen“ interessierte (Hans Blumenberg nennt Alexander in der „Lesbarkeit der Welt“ einen Meister der „empirischen Öffnung aufs noch Ungeschaute“, dabei gleichwohl „jeder spekulativen Ableitung“ trotzend). Und produktiv zum anderen, weil in der Pariser Synopse das auch nach heutigen Maßstäben beeindruckende networking der Humboldts mit Gelehrten aus aller Welt, ihre wissenschaftsorganisatorische Mammutleistung, so inszeniert wird, dass am Ende nicht der enggeführte Kauz, sondern die „enzyklopädische Spinne“ (Alexander Kluge) steht.

          Alexander von Humboldts Büromaterial, zum Verreisen im Laptop-Format.

          Das gelingt eben durch die klug und einigermaßen urig (ohne touchscreens und technologischen Aufwand) präsentierten Exponate, die auf den gebohnerten Dielen im malerischen Gemäuer des noch unterm Sonnenkönig errichteten Pariser Observatoire zu bestaunen sind (der gegenwärtige Direktor weist stolz darauf hin, dass in dieser führenden Forscherstätte heute auch Hollandes Sohn wirkt). Die Berliner Kunstwissenschaftlerin Bénédicte Savoy und ihr Kollege David Blankenstein haben die Dinge - von Alexanders Schreibtisch bis zu Wilhelms Porträt des Sir Thomas Lawrence - kuratorisch hier zusammengetragen, das meiste davon fanden sie in den Pariser Sammlungen verstreut, sei es in der Nationalbibliothek, im Naturkundemuseum oder in den Archiven des französischen Außenministeriums, das ein oder andere aber auch in der Sternwarte selbst.

          Gerade weil die Ausstellung durch didaktische Askese glänzt und ja nicht primär kunstgeschichtlich rezipiert werden will, bleibt sie auf den lehrreichen französischsprachigen Katalog angewiesen, an dem Koryphäen der Humboldt-Forschung wie Ottmar Ette, Jürgen Trabant oder Markus Messling mitwirken.

          Die Ausstellung glänzt durch didaktische Askese. Hier zu sehen Alexander von Humboldts Schreibtisch.

          Man muss sich, noch einmal auf Kehlmann kommend, die Fallhöhe vorstellen: Eben erst, 2004, Enzensbergers geballter PR-Feldzug für das in der „Anderen Bibliothek“ erschienene prachtvolle Humboldt-Projekt, mit der sorgfältigen Edition von Alexanders „Kosmos“ als Höhepunkt, mit den „Ansichten der Kordilleren und Monumente der eingeborenen Völker Amerikas“ in deutscher Erstausgabe und der wunderbaren Präsentation der „Ansichten der Natur“. Da waren mit einem Mal Leserschichten erschlossen, von denen die Humboldt-Forscher nicht zu träumen gewagt hatten.

          Dann der Absturz ins Kehlmanneske. Humboldts „Kosmos“? In den Augen des Romanciers „völlig unlesbar“, „ein Albtraumbuch“. Das Menschenbild des stets allein lebenden Alexander? Kehlmann feuert seinen Roman mit dieser Interviewantwort an: Alexander „versteht zwar die Menschen nicht, aber er bemüht sich wenigstens, auf sie zuzugehen“. Menschliche Regungen des „Verstandesmenschen“? „Humboldt ist fast unfähig, Gefühle auszudrücken - und wenn überhaupt, dann nur gegenüber Pflanzen und Tieren.“ Humboldts Wissenschaft? Na ja, erklärt Kehlmann auf der Welle der Kehlmann-Begeisterung, es sei doch so, dass der Weltreisende „ja gar keine wichtige Entdeckung gemacht hat und kein Wissenschaftler ersten Ranges“ war. Und so weiter und so fort, nicht aber zuletzt: „Er hat diesen ewigen Vermessungswahn - auch dort, wo es überhaupt nicht nötig ist.“

          Das allgemeine Schicksal Humboldts in den Wissenschaften

          Invektiven, die ins Herz der forschenden Humboldt-Gemeinde treffen. Etliche von ihnen sind bei der Vernissage der Ausstellung anwesend, knüpfen an die Pariser Schau noch ein Kolloquium über die europäische Sozialisation der Brüder Humboldt an. Sie warten auf der Sonnenterrasse des Oberservatoire nicht auf Kehlmann, sondern auf die Madame deutsche Botschafterin. Als Susanne Wasum-Rainer schließlich vor Alexanders Schreibtisch steht, der wie ein Altar das Zentrum der Ausstellung bildet, bleibt sie stumm, ohne jede Regung.

          Koloriertes, in aztekischer Hieroglyphenschrift verfassten Bast-Fragment, ein Mitbringsel Alexanders für Wilhelm aus Mexiko.

          Auch vor dem kolorierten, in aztekischer Hieroglyphenschrift verfassten Bast-Fragment, das zu den zahlreichen Sprachmaterialien gehört, die Alexander seinem Bruder Wilhelm für dessen Sprachforschungen aus Mexiko mitbrachte, verharrt die Botschafterin undurchdringlich, ja beinahe starr, ohne sich vom Enthusiasmus der neben ihr eloquent die Humboldts vermessenden Kuratorin Savoy auch nur im mindesten anstecken zu lassen. Umstehenden Gelehrten stockt das Blut in den Adern: Ist die Botschafterin eine Agentin Kehlmanns? Oder einfach nur eines seiner prominenten Lektüre-Opfer? Oder ist es ganz anders: Verdankt sich das Schweigen der Botschafterin womöglich Wilhelm von Humboldts kognitiver Sprachauffassung, der zufolge die Sprache „nichts anderes als das Complement des Denkens“ ist (später: „das bildende Organ des Gedankens“)? Handelt es sich also um ein beredtes Schweigen dergestalt, dass hier jemand dem Determinismus der sprachlichen Struktur entkommen will, um den Gedanken möglichst offen und vorurteilsfrei auf das Geschaute richten zu können?

          Freilich gibt es, wie die Humboldt-Brüder beide wissen ließen, kein Gefängnis der Sprache, aus dem man nicht kraft eigener Gedankengewalt - wiederum sprachlich codiert - entfliehen könnte. Vielmehr trägt die Sprache ihre eigene Subversion in sich, wie es das linguistische Freiheitsmodell der Humboldts vorsieht, ein Modell, zu dem sich später dann auch die Botschafterin zu bekennen scheint, als sie im Festzelt, wie nebenbei ihre Sprache wiederfindend, zu einer aufgeräumt-launigen Rede über den deutsch-französischen Kulturtransfer im Angesicht der Humboldt-Brüder ausholt, einer Rede, bei der auch Carlo Schmid nicht fehlte. Von Kehlmann, dem Sonnenkönig sei gedankt, kein Sterbenswörtchen.

          Ist es nicht erstaunlich, dass Wilhelm von Humboldt, hier auf einem Gemälde von Sir Thomas Lawrence, nie in der philosophischen Zunft angekommen ist?

          Ottmar Ette, der große Humboldt-Forscher, der mit Oliver Lubrich auch den „Kosmos“ in der „Anderen Bibliothek“ herausgibt und im Katalog zur Ausstellung Alexanders nomadischen Wissensbegriff darlegt, hat das Kehlmannsche Trauma auch in einem schönen, leicht lesbaren Buch verarbeitet („Alexander von Humboldt und die Globalisierung“), das man im Zug nach Paris unbedingt noch lesen sollte, bevor man sich mit Gewinn die Schau in der Sternwarte zu Gemüte führt. Die vorhin zitierten Aussagen Kehlmanns sind dort verarbeitet, aber auch vielfältige andere sublime Ausgrenzungen und Erniedrigungen wissenschaftsgeschichtlicher und politischer Art, die sich die Humboldt-Brüder bis heute gefallen lassen müssen.

          Blick in den Antikensaal vom Humboldt-Schloss in Tegel. Bilderstrecke

          Ist es nicht erstaunlich, dass Wilhelm von Humboldt nie wirklich in der philosophischen Zunft angekommen ist, es sei denn als philosophiegeschichtliches Obligo? „Das Verschweigen oder Abtun ist die Haltung der professoralen Philosophie bis heute - mit wenigen Ausnahmen, Cassirer ist die bedeutendste“, schreibt Jürgen Trabant und fügt hinzu, damit sei „das allgemeine Schicksal Humboldts in den Wissenschaften“ beschrieben. Die Marginalisierungsstrategie folge stets demselben Muster: Er werde als exzellenter Dilettant beiseitegelobt. Trabant, der sich ein Forscherleben lang mit Wilhelm befasste, sich von ihm faszinieren und erschrecken ließ, steht für vergiftete Lobreden nicht zur Verfügung. Als Linguist schaudere ihm vor Wilhelms Griechenkult, seinem „Ethno-Helleno-Zentrismus“, bekennt er freimütig. Das ist so eine Kritik, der Schriftsteller, versteht man richtig, getrost Romane widmen dürfen.

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