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Ausstellung in Paris : Unsere Brüder Humboldt!

Das allgemeine Schicksal Humboldts in den Wissenschaften

Invektiven, die ins Herz der forschenden Humboldt-Gemeinde treffen. Etliche von ihnen sind bei der Vernissage der Ausstellung anwesend, knüpfen an die Pariser Schau noch ein Kolloquium über die europäische Sozialisation der Brüder Humboldt an. Sie warten auf der Sonnenterrasse des Oberservatoire nicht auf Kehlmann, sondern auf die Madame deutsche Botschafterin. Als Susanne Wasum-Rainer schließlich vor Alexanders Schreibtisch steht, der wie ein Altar das Zentrum der Ausstellung bildet, bleibt sie stumm, ohne jede Regung.

Koloriertes, in aztekischer Hieroglyphenschrift verfassten Bast-Fragment, ein Mitbringsel Alexanders für Wilhelm aus Mexiko.

Auch vor dem kolorierten, in aztekischer Hieroglyphenschrift verfassten Bast-Fragment, das zu den zahlreichen Sprachmaterialien gehört, die Alexander seinem Bruder Wilhelm für dessen Sprachforschungen aus Mexiko mitbrachte, verharrt die Botschafterin undurchdringlich, ja beinahe starr, ohne sich vom Enthusiasmus der neben ihr eloquent die Humboldts vermessenden Kuratorin Savoy auch nur im mindesten anstecken zu lassen. Umstehenden Gelehrten stockt das Blut in den Adern: Ist die Botschafterin eine Agentin Kehlmanns? Oder einfach nur eines seiner prominenten Lektüre-Opfer? Oder ist es ganz anders: Verdankt sich das Schweigen der Botschafterin womöglich Wilhelm von Humboldts kognitiver Sprachauffassung, der zufolge die Sprache „nichts anderes als das Complement des Denkens“ ist (später: „das bildende Organ des Gedankens“)? Handelt es sich also um ein beredtes Schweigen dergestalt, dass hier jemand dem Determinismus der sprachlichen Struktur entkommen will, um den Gedanken möglichst offen und vorurteilsfrei auf das Geschaute richten zu können?

Freilich gibt es, wie die Humboldt-Brüder beide wissen ließen, kein Gefängnis der Sprache, aus dem man nicht kraft eigener Gedankengewalt - wiederum sprachlich codiert - entfliehen könnte. Vielmehr trägt die Sprache ihre eigene Subversion in sich, wie es das linguistische Freiheitsmodell der Humboldts vorsieht, ein Modell, zu dem sich später dann auch die Botschafterin zu bekennen scheint, als sie im Festzelt, wie nebenbei ihre Sprache wiederfindend, zu einer aufgeräumt-launigen Rede über den deutsch-französischen Kulturtransfer im Angesicht der Humboldt-Brüder ausholt, einer Rede, bei der auch Carlo Schmid nicht fehlte. Von Kehlmann, dem Sonnenkönig sei gedankt, kein Sterbenswörtchen.

Ist es nicht erstaunlich, dass Wilhelm von Humboldt, hier auf einem Gemälde von Sir Thomas Lawrence, nie in der philosophischen Zunft angekommen ist?

Ottmar Ette, der große Humboldt-Forscher, der mit Oliver Lubrich auch den „Kosmos“ in der „Anderen Bibliothek“ herausgibt und im Katalog zur Ausstellung Alexanders nomadischen Wissensbegriff darlegt, hat das Kehlmannsche Trauma auch in einem schönen, leicht lesbaren Buch verarbeitet („Alexander von Humboldt und die Globalisierung“), das man im Zug nach Paris unbedingt noch lesen sollte, bevor man sich mit Gewinn die Schau in der Sternwarte zu Gemüte führt. Die vorhin zitierten Aussagen Kehlmanns sind dort verarbeitet, aber auch vielfältige andere sublime Ausgrenzungen und Erniedrigungen wissenschaftsgeschichtlicher und politischer Art, die sich die Humboldt-Brüder bis heute gefallen lassen müssen.

Blick in den Antikensaal vom Humboldt-Schloss in Tegel. Bilderstrecke

Ist es nicht erstaunlich, dass Wilhelm von Humboldt nie wirklich in der philosophischen Zunft angekommen ist, es sei denn als philosophiegeschichtliches Obligo? „Das Verschweigen oder Abtun ist die Haltung der professoralen Philosophie bis heute - mit wenigen Ausnahmen, Cassirer ist die bedeutendste“, schreibt Jürgen Trabant und fügt hinzu, damit sei „das allgemeine Schicksal Humboldts in den Wissenschaften“ beschrieben. Die Marginalisierungsstrategie folge stets demselben Muster: Er werde als exzellenter Dilettant beiseitegelobt. Trabant, der sich ein Forscherleben lang mit Wilhelm befasste, sich von ihm faszinieren und erschrecken ließ, steht für vergiftete Lobreden nicht zur Verfügung. Als Linguist schaudere ihm vor Wilhelms Griechenkult, seinem „Ethno-Helleno-Zentrismus“, bekennt er freimütig. Das ist so eine Kritik, der Schriftsteller, versteht man richtig, getrost Romane widmen dürfen.

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