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Ausstellung in Halle : Ein Blick in den Stammbaum der Varusschlacht

Die Archäologie der Schlachtfelder und Kriegergräber hat einen finsteren Ruf. In Halle beginnt er nun zu leuchten: Das Landesmuseum erzählt mit einer Ausstellung die Geschichte des Krieges von den Anfängen bis Wallenstein.

          5 Min.

          Am 16. November 1632 stießen bei Lützen im heutigen Sachsen-Anhalt ein kaiserlich-katholisches Heer unter Wallenstein und ein schwedisch-protestantisches unter Gustav II. Adolf aufeinander. Die Schlacht dauerte sechs Stunden und kostete fast zehntausend Menschenleben. Am Ende zogen sich Wallensteins Truppen in Richtung Leipzig zurück. Den größeren Verlust aber hatten die Schweden erlitten: Ihr König war im Kampf gefallen. Gustav Adolfs Tod beraubte die protestantische Koalition ihres charismatischen Führers und gab den Katholiken in den folgenden drei Jahren die Oberhand, bevor Frankreich an der Seite Schwedens intervenierte. Schon vorher hatte sich der innerdeutsche zum europäischen Konfessionskrieg ausgeweitet, jetzt wurde er zum Schlagabtausch der Großmächte, den der Kaiser in Wien nicht mehr gewinnen konnte.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Knapp vierhundert Jahre nach der Schlacht, im Sommer 2011, wurde an der Landstraße von Lützen nach Leipzig ein Massengrab mit den Überresten von 47 Soldaten entdeckt. Das sachsen-anhaltische Landesamt für Denkmalpflege ließ die Gebeine mit Hilfe eines Metallkorsetts als Ganzes bergen und konservieren. Jetzt bilden sie, in zwei massive Blöcke von jeweils dreieinhalb Meter Höhe und zweieinhalb Meter Breite geteilt, das zentrale Ausstellungsstück der Ausstellung „Krieg im Spiegel der Archäologie“ im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle.

          Krieg als kulturgeschichtliches Phänomen

          Wie alle Kriegsthemen löst auch dieses Abwehrreflexe aus. Knochen und Waffen: Haben wir nicht genug davon gesehen? Nicht zufällig hatte die Archäologie der Schlachtfelder und Kriegergräber, die andernorts zum Kerngeschäft der historischen Wissenschaft gehört, in Deutschland lange Zeit einen finsteren Ruf. Erst langsam hellt er sich auf.

          In Halle beginnt er zu leuchten. Man muss kein Bellizist sein, um zu erkennen, dass die Ausstellung im dortigen Landesmuseum in Form und Gegenstand eine Zäsur auf ihrem Gebiet ist. Sie erzählt nicht nur eine Geschichte kriegerischer Gewalt von den Anfängen der Menschheit bis zur Eisenzeit und stellt die Funde aus Lützen damit in einen Rahmen, der für Exponate aus dem Dreißigjährigen Krieg ebenso ungewöhnlich wie faszinierend ist. Sie verbindet ihre Präsentation auch mit einer expliziten These; und sie macht diese These an den Objekten anschaulich.

          Schwerter und Schilde aus der Bronzezeit Bilderstrecke
          Ausstellung in Halle : Ein Blick in den Stammbaum der Varusschlacht

          Der Krieg, so zeigt es das Kuratorenteam um den Halleschen Museumsdirektor Harald Meller, ist keine anthropologische Konstante, kein dem Menschen eingepflanzter Trieb wie bei Freud und Hobbes, sondern ein kulturgeschichtliches Phänomen, das unter bestimmten Bedingungen entstand und auch wieder verschwinden kann. Zu seinen Voraussetzungen gehören Ackerbau und Viehzucht, Sesshaftigkeit und Besitz, eine gesellschaftliche Struktur, welche die Produktion und Verteilung der Nahrungsmittel organisiert, sowie Grenzzonen, in denen sich die expansiven Interessen mehrerer kultureller Verbände überkreuzen.

          Kampf- und Verletzungsspuren

          Die meisten dieser Faktoren waren in Mitteleuropa am Ende der Steinzeit gegeben, als Hirten- und Bauernkulturen aus dem Vorderen Orient nach Nordwesten vordrangen und sich in den Flussebenen zwischen Nord- und Ostsee und den Mittelgebirgen niederließen. Dennoch fanden kriegerische Auseinandersetzungen vorerst hauptsächlich in Form von Blutfehden und Überfällen statt, wie die Grabfunde von Naumburg-Eulau und Halberstadt, aber auch Massenbestattungen im Alpen- und Pyrenäenraum belegen. Die dort geborgenen Skelette weisen durchweg Kampf- und Verletzungsspuren auf; manche der Toten, wie die in Eulau bestatteten Mitglieder einer Großfamilie, wurden offenbar in Killermanier regelrecht abgeschlachtet. Aber nirgendwo gibt es Hinweise auf größere Kriegshandlungen, auf Heere, Schlachten und Feldzüge.

          Das ändert sich in der Bronzezeit. Mit dem neuen Metall, einer Legierung aus Kupfer und Zinn, lassen sich Waffen herstellen, die an Härte und Schärfe den bis dato üblichen Steinbeilen und -dolchen weit überlegen sind. Schwerter, Lanzen und Schilde werden zu Insignien einer Kriegerkaste, die ihre Macht durch prunkvolle Grabbeigaben demonstriert. Zugleich entstehen neue Handelswege, um deren Kontrolle erbittert gerungen wird.

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