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Ausstellung in Halle : Ein Blick in den Stammbaum der Varusschlacht

Einen Schwerpunkt der Ausstellung bilden die Funde aus dem vorpommerschen Flusstal der Tollense, die hier erstmals in größerem Zusammenhang vorgestellt werden. Um 1250 vor Christus fand im Tollensetal ein Gemetzel statt, an dem mindestens zweitausend, vielleicht auch fünftausend Krieger teilnahmen. Die bisherigen Ausgrabungen deuten auf einen Verlauf der Kämpfe, der an die Varusschlacht der Römer und Germanen erinnert: Eine isolierte, offenbar ortsfremde Truppe wird an einer Furt gestellt und eingekreist, danach flussaufwärts verfolgt und schließlich in einer Art Endkampf vernichtet.

Hierarchien, Infanterie und Kavallerie

Bislang wurden die Überreste von gut hundertzwanzig Individuen gefunden, die Archäologen rechnen mit bis zu tausend Toten. Die Krieger, ausnahmslos junge und reifere Männer, kämpften mit Beilen und Bögen; ihre Anführer waren beritten und trugen Helme und Schwerter. Es gab Hierarchien, Befehlsketten, Kampftaktiken, Infanterie und Kavallerie, alles, was die Kriegführung noch bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein kennzeichnet.

Etwa zur gleichen Zeit schlossen der Pharao von Ägypten und der König des Hethiterreichs einen Vertrag. Ramses II. und Hattusili III. hatten sich 1274 vor Christus bei Kadesch in Nordsyrien eine unentschiedene Schlacht geliefert, die jeder der beiden als Sieg beanspruchte. Fünfzehn Jahre später setzten sie ihre Friedensbedingungen fest: wechselseitige Anerkennung und Garantie der Thronfolge, Unterstützung im Kriegsfall, Amnestie für Überläufer. Das Originaldokument, zwei Silbertafeln in akkadischer Sprache, ist verschollen, aber eine Übersetzung des Vertragstexts in Keilschrift hat sich auf Tonbruchstücken aus der Hethiterhauptstadt Hattusa erhalten. In Halle sind sie zu sehen.

Spuren von Hungerwintern

In weitem Bogen kehrt die Ausstellung nach Lützen zurück. Viertausend Jahre Kriegsgeschichte münden in das Duell zwischen dem Feldherrn des Kaisers und dem Schwedenkönig, das der Sieger mit seinem Leben bezahlte. In Vitrinen prangen Wallensteins Pferd, sein Sattel und Degen, Gustav Adolfs blutgetränkte Reitjacke, Musketen- und Kanonenkugeln, Tagebücher und Briefe von Zeitzeugen. Aber der Fluchtpunkt aller Exponate ist das Massengrab, das große Memento mori. Der jüngste der 47 Toten war fünfzehn, der älteste etwa fünfzig Jahre alt. Die Archäologen haben ihre Ernährungsgewohnheiten untersucht. Viele trugen Spuren von Hungerwintern der Kindheit an Knochen und Zähnen, aber keiner hatte in jüngster Zeit gedarbt. Noch nährte der Krieg den Krieg.

Und noch konnten die Schweden ihren Nachschub an Soldaten in dem Land rekrutieren, durch das sie zogen. Die Mehrzahl der Gefallenen stammte aus dem deutschen Sprachraum, sie gehörten zu der Blauen Brigade, einer Elitetruppe, die im Zentrum der schwedischen Aufstellung kämpfte. Bei Lützen erlitt sie entsetzliche Verluste. Die sächsischen Bauern, die das Schlachtfeld aufräumten, waren vermutlich Protestanten, denn sie setzten in dem Massengrab ein Zeichen, das wie eine stumme Verbeugung vor den Glaubensgenossen wirkt. Das oberste der Skelette wurde mit ausgebreiteten Armen begraben, in der Pose des toten Christus. Die Weltgeschichte, heißt es bei Schiller, ist das Weltgericht.

Man verlässt dieses penibel ausgeleuchtete und perfekt inszenierte Gruselkabinett mit Schaudern und Gewinn. Die Ausstellung in Halle beweist, dass Archäologie eine Knochenarbeit, aber keine Disziplin von gestern ist. Die Gräber, die sie öffnet, sprechen heute, da der Bürgerkrieg wieder in unsere Nähe gerückt ist, deutlicher als vor fünfzig Jahren. Einer der Toten aus der steinzeitlichen Befestigung von Hambledon Hill im englischen Dorset, heißt es in dem kiloschweren Begleitband, „trug ein Kind in seinen Armen“. Man sieht das Bild vor sich. Weil man es kennt.

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