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Ausstellung : In einer Wiederaufbauwelt

Thomas Demands „Badezimmer” von 1997 in der derzeit zu sehenden Ausstellung in der Berliner Nationalgalerie Bild: ddp

Ein „Bildhauer“, der seine Objekte penibel in Papier nachbaut, um sie dann zu fotografieren und als Bilder auszustellen: Die Berliner Nationalgalerie präsentiert eine Werkschau von Thomas Demand.

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          Am 1. Mai 2008 zerstörten in dem kleinen Ort Loitsche betrunkene Jugendliche ein mit Liebesbekundungen überzogenes Wartehäuschen. In den Jahren zuvor hatten die Gründer der Band "Tokio Hotel" oft hier gesessen, deswegen war die kleine Holzarchitektur im Stil bayerischer Berghütten zu einer Pilgerstätte für Teenager geworden; einige übernachteten dort sogar, um sich ihren Idolen nahe zu fühlen. Die örtliche Verwaltung kam daher auf die Idee, mit der Ruine Geld zu machen. Man beschloss, sie, in Einzelteile zerlegt, auf Ebay anzubieten, zu Preisen zwischen 500 und 4000 Euro - und es war eine seltsame Vorstellung, dass sich ein Zwölfjähriger in seinem Kinderzimmer als magisches Kontaktobjekt zur Welt der Highschool-Punkband ausgerechnet das herausgesägte Teil einer nostalgischen Architektur aufstellt, die eine alpine Zirbelstubengemütlichkeit in die Verkehrswüsten der Nachkriegszeit bringen sollte.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Dieses so verschwundene Wartehäuschen, einen seltsamen deutschen Erinnerungsort, hat der Künstler Thomas Demand rekonstruiert auf die Weise, die ihn bekannt gemacht hat: als lebensgroßes Papiermodell, nach Vorlagen von Fotos, die in Magazinen, Büchern oder im Netz zu finden sind, Bildern also, die das sogenannte öffentliche Bild einer Sache prägen. Und wie immer hat er die eigentliche Skulptur - in der, wie in einem barocken Trompe l'oeil, alles bis hin zum Baum, dem Gras, dem Laub minutiös aus Papier nachgebaut wurde - vernichtet und zeigt in seiner Ausstellung nur die Fotografie des Papiermodells.

          Was bleibt, ist das Bild, das etwas Verschwundenes zeigt, was aufgrund eines Bildes von etwas Verschwundenem entstand: Wenn man diese Ausstellung unbedingt bildtheoretisch angehen will, geht es darum, offenzulegen, was im mehrfachen Übersetzungsprozess von Medienbildern in Formen und dann in Bilder mit deren Informationen geschieht. Aber erst einmal zum Ausstellungsort: Selten sah Mies van der Rohes 1968 errichteter Glasbau so gut aus wie bei dieser Ausstellung, deren Macher die moderne Idee der "Vorhangfassade" sehr wörtlich nahmen und Demands Arbeiten statt auf Stellwänden auf haushohen Vorhängen präsentieren, wie man sie in diesem Format nur aus Theatern kennt. Die Nationalgalerie ist so in ein Labyrinth aus Bühnen verwandelt, was mit den gezeigten Arbeiten durchaus etwas zu tun haT:

          Fotografierte Skulpturen

          Auch die 1968 errichtete Neue Nationalgalerie ist ein Nachkriegsbau, der für einen Neuanfang stehen sollte, so wie viele der Bauten, die Demand als Papiermodell rekonstruiert. Da ist das Wohnzimmer eines modernen Einfamilienhauses, das Treppenhaus einer Schule mit filigranem Geländer - alles ist durchsichtig, leicht, offen. Ein Papiermodell zeigt die Dekorfassade ostdeutscher Plattenbauten; was man sieht, sind Versuche, nach 1945 neuen Gesellschaftsideen Formen zu geben. Um diese Formen geht es.

          Nun ist der 1964 geborene Demand, obwohl er Fotografien zeigt, kein Fotograf, sondern ein konzeptionell arbeitender Bildhauer, deswegen lohnt es sich, das, was er baut, als Skulptur zu betrachten. Ein Raum der Schau zeigt Bilder, die starke formale Korrespondenzen haben: ein Fernsehstudio mit gestreiftem Hintergrund, ein Lamellenvorhang, wie er in Sparkassen und Vorstandsetagen Blicke abhält und, zuletzt bei den Opel-Verhandlungen, zum Symbol der Intransparenz von Machtausübung wurde, dazu ein Labor von BMW, selbst eine Art Modell, in dem Autofahrten simuliert wurden - drei Orte, an denen im weitesten Sinn Bewusstsein manipuliert wird.

          Papierwelten als Bühnenbilder

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