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Ausstellung in der Charité : Der Pflegenotstand hat eine Geschichte

  • -Aktualisiert am

Kinderrollstuhl, um 1956 Bild: Berliner Medizinhistorisches Museum / Thomas Bruns

In einer Ausstellung über 200 Jahre Krankenpflege zeigt die Charité die Entwicklung von den Diakonissenhäusern bis zu den Schichtdienstmodellen der Gegenwart. Dabei wird deutlich, wie groß die Frustration im Berufsstand heute ist.

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          Zwei Frauen mit rot-weißen Plastikumhängen stehen auf dem Gelände der Charité unter einer blühenden Kastanie. Es ist ein durchwachsener Frühlingstag in Berlin. Der Wind zerrt an den dünnen Folien, die sich beide Frauen über ihre Jacken geworfen haben. „Verdi Streik“ steht darauf. Beide sehen ein bisschen ratlos aus, zwei Versprengte, die den Rest der Streikenden suchen. Mehrere hundert Pflegekräfte und technische Mitarbeiter der Charité haben an diesem Tag ihre Arbeit niedergelegt und demonstrieren für höhere Gehälter.

          Spricht man die beiden Frauen an, dann erzählen sie von zu dünn besetzten Spätdiensten in der Akutpsychiatrie und über ausufernde Dokumentationspflichten, die den Schwestern und Pflegern keine Zeit mehr für die Patienten lassen.

          Grenzerfahrungen, Ohnmacht und die Begegnung mit dem Tod

          Auf der gegenüberliegenden Straßenseite führt ein schmaler Weg zum Eingangsportal des Medizinhistorischen Museums der Charité. Im ersten Stock steht der Gesundheitsminister in einem Parcours aus Vitrinen, unter die man die Fahrgestelle von Krankenhausbetten montiert hat. Philipp Rösler hat hier gerade die Ausstellung „Who cares? Geschichte und Alltag der Krankenpflege“ eröffnet; jetzt hört er weiteren Reden zu - denen von Hedwig François-Kettner, der Pflegedirektorin der Charité, und von Thomas Schnalke, dem Museumsdirektor.

          Elf Freundinnen sollt ihr sein: Schwestern-Speisezimmer an der Charité um 1910
          Elf Freundinnen sollt ihr sein: Schwestern-Speisezimmer an der Charité um 1910 : Bild: Berliner Medizinhistorisches Museum / Thomas Bruns

          Es geht um Grenzerfahrungen, Ohnmachtsgefühle, Scheu, Ekel, um die Begegnung mit dem Tod und fehlende Anerkennung, schließlich um Nachwuchsmangel und den demographischen Wandel. „Fünfzig Prozent der Mädchen, die jetzt geboren werden, werden hundert Jahre alt“, sagt Museumsleiter Schnalke. „In der Pflege wird es in Zukunft um das gehen, was man unter Multimorbidität versteht.“ Seine letzten Worte gehen unter im Sprechchor einer Demonstrantengruppe, der durch die Fenster schallt. Die Pflegekräfte der Charité ziehen mit Verdi-Fahnen und DBB-Fahnen zum Museumseingang und skandieren: „Rösler raus!“

          Im Berufsstand herrscht Frustration

          Man ist versucht, den Streik für einen Teil der Ausstellung zu halten, so passgenau fügt er sich in ihren thematischen Schwerpunkt. Der Blick auf die deutsche Pflegegeschichte, den die Historikerin und ehemalige Krankenschwester Isabel Atzl für das Berliner Medizinhistorische Museum kuratiert hat, schweift zwar über Exponate aus zweihundert Jahren, verweilt aber in den zwei großen Ausstellungsräumen immer wieder bei der gegenwärtigen Situation. Die Frustration, die im Berufsstand herrscht und durch Streiks derzeit auch öffentlich spürbar wird, klingt deshalb nicht nur immer wieder an, sondern überschattet die historischen Informationen der Schau geradezu. Das ist nur folgerichtig: Die Weichenstellungen der Vergangenheit haben bis heute Konsequenzen.

          Als der Staat im achtzehnten Jahrhundert mit der Einrichtung erster Krankenanstalten Verantwortung für die Versorgung von Patienten übernahm und sie nicht mehr nur der häuslichen und familiären Pflege überließ, bildete sich ein eigenständiger Berufsstand der Pflegenden heraus, der aber lange ohne einheitliche Stimme blieb. Zwar gründeten sich Anfang des neunzehnten Jahrhunderts Krankenpflegeschulen, ein staatliches Examen ließ aber bis 1907 auf sich warten und war auch dann nicht gesetzlich bindend. In den Jahrzehnten vor seiner Einführung hatte sich das Pflegewesen außerdem aufgeteilt in einen weltlichen und einen konfessionellen Zweig. Daneben entstand die Kriegskrankenpflege durch die Schwesternschaften des Roten Kreuzes.

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