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Ausstellung : Hamburg zeigt neue Arbeiten des Fotokünstlers Wolfgang Tillmans

  • -Aktualisiert am

„Mentalpic” Bild: Wolfgang Tillmans

Die Deichtorhallen Hamburg zeigen neue Arbeiten des Fotografen Wolfgang Tillmans: Porträts, Stilleben, Landschaften und Abstraktes.

          Provokante Bilder aus der Sub- und Popkultur, die in Magazinen wie i-D, Interview oder Index erschienen, machten Wolfgang Tillmans in den 90er Jahren zum gefeierten Fotokünstler. Die Deichtorhallen Hamburg zeigen jetzt als erste Station einer internationalen Ausstellungstournee neue Arbeiten des Fotografen.

          Der kopflose Anzugträger hat die Arme über der Brust verschränkt. Links im Bild umklammern die Hände unsichtbarer Mitreisender eine rote Stange. Wolfgang Tillmans hat sich in Londoner U-Bahnen umgesehen. Seine neue Serie intimer Ansichten aus dem öffentlichen Nahverkehr zeigt überraschende Details in Großaufnahme: die rasierte Achselhöhle einer Unbekannten, ein gestreiftes Hosenbein, der Blick einer Fremden, halb verdeckt. Ihr Arm und der eines Mannes teilen sich die Haltestange. Die Idee dazu trug Tillmans schon länger mit sich herum, beobachtete in der U-Bahn die „Landschaften in den Haaren“ seines Nachbarn, bevor er handelte. „Die flüchtigsten, kleinsten Dinge“ festzuhalten: Das ist eines der Anliegen des Fotokünstlers, der seine Motive oft im Alltäglichen findet.

          Ausstellung vom Künstler inszeniert

          Für seine Schau in den Hamburger Deichtorhallen hat er aus dem Vollen geschöpft: Neben den U-Bahnbildern sind hier Porträts, Stilleben, Aktaufnahmen, Landschaften und Abstraktionen zu sehen, die von leuchtender Farbigkeit bis zu zartesten Tönen rangieren. Tillmans hat die Ausstellung selbst in Szene gesetzt. Der Betrachter wird geradezu überflutet von der Fülle des Materials. Riesige Inkjetprints hängen an Klammern neben winzigen Fotos, die salopp mit Tesafilm an der Wand befestigt sind. Einige Motive sind gleich mehrfach in verschiedenen Formaten vertreten. In einem Raum hat Tillmans seine Installation zur Verleihung des Turner-Preises im vergangenen Jahr rekonstruiert.

          „Yell”

          Journalistische Aufnahmen, die für Zeitschriften entstanden sind, poetische Alltagsmomente, Gesichter, Körper in Aktion, von erhöhter Warte aus fotografierte Aufsichten, in denen sich Landschaften und Städte zu Mustern verdichten, oder eben die gegenstandslosen „Mental Pictures“ und „Blushes“, die ohne Kamera entstanden sind: „Alles hängt miteinander zusammen“, sagt der Künstler, der sich keineswegs auf einen Ansatz oder gar ein Sujet festlegen lassen will.

          Im Fokus: Tillmans' abstraktere, formalere Seite

          Als hipper Porträtist seiner Generation wurde Tillmans in den 90er Jahren berühmt. Mode, Popkultur, Zeitgeschehen (etwa seine Fotos zum Thema Soldaten), das eigene persönliche Umfeld: Bei der Motivwahl hat der Fotograf nie Berührungsängste gezeigt. Vom Klischee des schicken Trendsetters wollte er sich jedoch nicht vereinnahmen lassen. Deshalb ist der Mensch in seinem Werk jetzt - vorübergehend - etwas in den Hintergrund getreten. Die aktuelle Schau mit dem Titel „Aufsicht“ rückt Tillmans' abstraktere, formalere Seite in den Fokus. Beiläufig auf einem Heizkörper zum Trocknen drapierte Socken, Obst und Gemüse auf einer Fensterbank, Fußspuren im Schnee: Von den stringent komponierten Stilleben und Momentaufnahmen führt der Weg zum Blick auf die Welt von oben, den Tillmans als Möglichkeit begreift, sich selbst als kleiner Teil eines Ganzen zu erfassen.

          Parallel dazu löst er sich vom Gegenstand, der in vielen seiner neuen Bilder nur noch als Nachhall in der Fantasie des Betrachters anklingt. Knallige Farbwirbel erinnern entfernt an Sonnenuntergänge oder exotische Blütenkelche. Feine Farbfäden, die wie ein Hauch in fast transparenten Bildern aufschimmern, lassen an Organisches denken. Die acht üppig bestückte Rauminstallationen umfassende Schau erfordert einige Anstrengung seitens des Betrachters, sich auf Tillmans vielfältige Welten einzulassen. Doch gibt es dabei immer wieder Überraschendes zu entdecken, gerade dort, wo der Mensch nur noch als Spur erkennbar ist.

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