https://www.faz.net/-gqz-zhik

Ausstellung „Geheimgesellschaften“ : Geheimer Chiffern Sendung

Erinnerung an einen merkwürdigen Pariser Geheimbund der dreißiger Jahre: Cerith Wyn Evans Neonplastik nach André Massons Titelfigur für „Acéphale”. Bild: Frank Röth

Initiation durch Bilder: Die Frankfurter Kunsthalle Schirn wagt sich an das Thema der okkulten Gemeinschaften und bleibt dabei auf dem Feld der zeitgenössischen Kunst.

          3 Min.

          Das Wirken geheimer Gesellschaften ist kein Randthema mehr, mit dem sich nur Narren oder Sensationsautoren wie Dan Brown beschäftigen würden. Mag sein, dass das Internet dazu beigetragen hat; wer eine politisch etwas ausgefallene Seite anklickt, ist nach zwei, drei Links mit großer Wahrscheinlichkeit bei Bloggern, welche die Regierungen der Gedankenkontrolle durch geheime Strahlen beschuldigen. Aber es handelt sich nicht um reinen Spaß. Kulturwissenschaftler haben die Vielfalt ordensähnlicher Gemeinschaften untersucht; die Forschung zur Frühen Neuzeit kommt ohne eine Kenntnis der Rosenkreuzer, Freimaurer oder arkaner Studentenorden nicht mehr aus; auch die Wissenssoziologie hat sich dem verschwörungstheoretischen Denken ernsthafter gewidmet. Die Aufklärung begann im siebzehnten, vollends dann im achtzehnten Jahrhundert als konspiratives Unternehmen; auch das gehört zu ihrer Dialektik.

          Lorenz Jäger
          Freier Autor im Feuilleton.

          Nun hat die Frankfurter Schirn den geheimen Gesellschaften eine Ausstellung gewidmet, der man jedenfalls einen Unterhaltungswert nicht absprechen kann. Der Standpunkt, von dem aus das Problem entwickelt wird, ist die Aktualität des Pop. Die Mehrzahl der Kunstwerke stammt aus den vergangenen fünf Jahren, das älteste ist Kenneth Angers Video "Invocation of my demon brother" aus dem Jahr 1969. Man darf also nicht nach historischen Schilderungen suchen, wie sie etwa Lovis Corinth in seinem Gemälde "Die Logenbrüder" (1899) gab - die Ausstellung will vielmehr eine Stimmung evozieren, die den Betrachter in die Nähe der geheimen Bünde bringt.

          Liaison von Pop und Esoterik

          Zu den überzeugenden Exponaten gehören deshalb jene, die den in diesen Zusammenhängen häufig anzutreffenden Satanismus und Dämonismus thematisieren - die Übergänge zu Heavy Metal, zur SM- und Tattoo-Szene sind fließend. Im Hintergrund lauert die Idee des Menschenopfers. Bezaubernd muten nach diesen finsteren Darstellungen die ironisch-paranoischen Organigramme der Weltverschwörung an, die von dem elisabethanischen Okkultisten John Dee über faschistische Orden wie die Münchner Thule-Gesellschaft in die Gegenwart reichen sollen: Hexen als "Psy-ops", als Strateginnen der psychologischen Kriegsführung. Auch der deutsche Cartoonist Gerhard Seyfried hat in den vergangenen Jahren hübsche Sachen dieser Art entworfen; in der Ausstellung aber ist es Suzanne Treister, deren anmutig-verwickelte Zeichnungen der Zusammenhänge man gerne betrachtet.

          Eindringlicher und bedrückender sind die Gemälde von Jenny Holzer, in denen die inzwischen nicht mehr so geheime Geschichte von Foltermethoden der Vereinigten Staaten aufgegriffen wird. Man sieht in großem Format eine Seite, die vorgibt, ein Top-Secret-Dokument zu sein; fast alles ist geschwärzt. Nur "waterboarding" liest man noch, und den Namen des Verdächtigen, den man dieser Prozedur unterzogen hat.

          Als Experten hat man sich für den Katalog und den Audio-Guide zur Ausstellung Gary Lachmann verschrieben. Er ist ein Kenner der Materie, der es versteht, sie ganz von der Gegenwart her aufzurollen. Lachmann war Mitbegründer und Bassist der Band "Blondie", bevor er sich mit den Nachtseiten der Pop-Industrie, den parareligiösen und okkulten Ideen des "New Age", der Suche nach höheren Bewusstseinsebenen, erst durch Drogen, dann durch Initiationen induziert, zu beschäftigen begann. Die lange gemeinsame Geschichte von Pop und Esoterik also wird fassbar, und die einzige Leerstelle bleibt nur jene Pop-Version der Kabbala, der sich zum Beispiel Madonna verschrieben hat.

          Nicht ohne die Maurer

          Cristina Recupero und Alexis Vaillant haben die Ausstellung kuratiert. Ein wenig kokettieren sie mit der Idee, die Räume und ihre Erschließung durch den Betrachter wie die Initiationsreise in einen Geheimbund anzulegen. Richtig funktioniert das nicht. Nur gelegentlich geben die Werke her, was das Programm verspricht; kaum eines ist darunter, das den Betrachter länger fesseln würde.

          Sicher: Beschwörende Gebärden, Emanationen, Strahlungen, vage okkultistische Siegel, Signaturen und dergleichen sind Sujets, die passen. Auch Anspielungen auf das freimaurerische Zeremoniell sieht man, etwa einen Schachbrett-Boden wie in den Logen - Luca Vitone hat sein Werk "Souvenir d'Italie (Fondamenti della Seconda Repubblica)" genannt und damit auf die Geschichte Italiens seit den neunziger Jahren hingewiesen.

          Ein Dreieck, das an die Pyramiden-Emblematik der Maurer erinnert, stammt von Abel Auer. Das gleichfalls freimaurerische Initiationsritual, eine Degenspitze gegen die nackte Brust des Aufzunehmenden zu halten, greift - mit einer weiblichen Adeptenfigur - Fabian Marti auf. Anderes bleibt beliebig; die gesichtslosen Figuren von Aaron Curry im Vorraum sollen für die "Geheimen Meister" stehen - aber um das zu begreifen, braucht man eine Erklärung.

          Weitere Themen

          Theater und die Kunst zu leben Video-Seite öffnen

          Spielplanänderung – Folge 6 : Theater und die Kunst zu leben

          In dieser Folge der „Spielplanänderung“ kehren wir zum wahren, schönen Leben zurück: Sardanapal ist nicht nur tragischer König und Bühnenheld, sondern vor allem ein Genießer des schönen Lebens. Zusammen mit dem langjährigen Volksbühnen-Dramaturgen Carl Hegemann erkunden wir Parallelen zwischen diesem König, der keiner sein will und heutigen politischen Disputen.

          Topmeldungen

          Das Wahlplakat der Grünen

          #Allesistdrin : Die schöne Welt mit Lastenrad

          Ein Wahlplakat der Grünen zeigt eine vierköpfige Familie, die mit einem Lastenfahrrad durchs Grüne fährt. Und es zeigt ein Problem, das die Partei in ihrer Ansprache hat.
          Am 17. Februar im libyschen Benghazi: Frauen halten Landesfahnen hoch, um den 10. Jahrestag des Arabischen Frühlings in Libyen zu feiern, der zum Sturz des damaligen Gewaltherrschers Gaddafi führte.

          Hilfe für Libyen : Zwischen Wahl und Warlords

          Bisher hält der Waffenstillstand in Libyen. Nun soll eine weitere Konferenz in Berlin die Stabilisierung des Landes voranbringen. Doch nicht jeder Akteur hat daran ein Interesse.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.