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Ausstellung : Franz West in Hamburg: unbequeme Kunst, die Spaß macht

  • -Aktualisiert am

Denken und Staunen mit „Passstücken” von Franz West Bild: deichtorhallen

Der österreichische Künstler Franz West erstaunt in Hamburgs Deichtorhallen mit Möbeln, Plastiken und "Passstücken".

          3 Min.

          An diesem Wochenende beginnt in den Hamburger Deichtorhallen eine große Übersichtsschau mit Möbelinszenierungen und benutzbaren Plastiken des österreichischen Künstlers Franz West: "Appartement".

          Kurz vor der Eröffnung fand man den völlig erschöpften Bildhauer inmitten seiner Installation "Mao Memorial". Gerade hatte er seine Ausstellung "Gnadenlos" in Wien eröffnet, nun lag er gemütlich lag er auf einem blau bezogenen Diwan und schlief. Den Kopf hatte er an eine leuchtend rote Nackenrolle geschmiegt. West hat in Hamburg vorgemacht, wie man seine Kunst am besten begreift: mit dem ganzen Körper.

          Ganzkörperkunst

          Seit Mitte der 80er Jahre entstehen solche "Möbelskulpturen". Schon zehn Jahre früher hatte Franz West begonnen mit "Passstücken", interaktiven Objekten aus Gips und Draht zu experimentieren, in die sich der Nutzer "einpassen" kann, um als Träger selbst Teil der Skulptur zu werden.

          In Hamburg werden solche "Passstücke" nun ausführlich angeboten. Darunter sind lange, rohrförmige Gebilde, in die man einen Arm oder ein Bein stecken kann. In einer Koje können die Rohre mit eingebauten Haltegriffen diskret anprobiert werden. Handlungsanweisungen kleben an der Außenseite der Installationswand: "Schwenken Sie den verlängerten Arm lange. Nehmen Sie dabei Obacht, niemanden zu verletzen oder die Wand zu streifen." Franz West will einen ungewöhnlich direkten Zugang zur Kunst evozieren. Das Einbeziehen des Betrachters ist das wesentliche Anliegen seiner Kunst. Man kann seine Plastiken anfassen, auf ihnen Platz nehmen, sich darin entspannen und dabei mit dem ganzen Körper begreifen. Entsprechend oszillieren die Objekte zwischen Kunst und Design, zwischen ästhetischem Gegenstand und trivialem Nutzobjekt. So entwarf West den Diwan zunächst nicht als Ausstellungsstück, sondern weil ihm im Atelier ein solches Stück fehlte.

          Öffentlich privat sein

          "Es ist schon eine absonderliche Örtlichkeit, in der man sich befindet", stellt West auf einer blauen Chaiselongue in der Hamburger Ausstellung plaudernd fest, "in einem Museum, und man sitzt herum, als wär's privat." Aber gerade diese Grenzüberschreitungen gefallen dem Künstler, der der durchdesignten Glätte industriell gefertigten Objekte rudimentäre, bewusst "schlampige" Macharten entgegensetzt.

          Sein Diwan etwa besteht aus einem grob zusammengeschweißten Konstrukt aus Baustahl, das irritierend provisorisch wirkt. Darauf liegen einfache Schaumgummimatten, die in exotisch bunte Baumwolltücher eingeschlagen wurden. Die an mehreren Stellen der Ausstellung verteilten "Sitzskulpturen" sehen aus wie überdimensionale, von Kinderhand geformte Knetgummi-Klumpen. Sie sind mit witterungsbeständiger Farbe bestrichen und wurden für den Außenraum aus Stahl gefertigt.

          Vorführungen waren ihm nicht genug

          Kybernetische Kunst und Environments der 60er Jahre regten Franz West zum eigenen, multidimensionalen Ansatz an. Auch die exzessiven Happenings des "Wiener Aktionismus" aus dieser Zeit, ließen ihn nicht unbeeindruckt. Was ihn störte, war das theatralische an diesen Performances, die den Betrachter nicht wirklich aktiv einbezogen.

          Franz West, der in den 80er Jahren international bekannt wurde, ging es von Anfang an jedoch nicht nur um den Betrachter. Er bezog auch Bildhauer-Kollegen und Studenten in sein Werk ein. Der Südtiroler Künstler Rudolf Stingel hat in der Hamburger Ausstellung zum Beispiel Wände und Boden von "Appartement" mit silberner Folie ausgeschlagen. Darin "schwimmt" ein "Floß" von Franz West, ein mit silbernen Tüchern drapiertes Himmelbett, das auf Autoreifen ruht. Zusammen mit dem amerikanischen Künstler Mike Kelley entstand eine Installation namens "Slap", die aus einem Verschlag mit pendelndem Holzstück besteht, das zum Ohrfeigen ausholt. Kelley hat dazu passende Comics geliefert. In anderen Räumen präsentieren junge Künstler, Studenten und Assistenten von Franz West eigenen Arbeiten.

          Kunst, die Spaß macht

          Neben Skulpturen sind in Hamburg auch eigenwillige Plakatentwürfe, Collagen und Videos zu sehen. Aber das Plastische bleibt zentral: "Der Mensch ist dreidimensional. Wenn die Kunst zweidimensional ist, kommt man da nicht hinein. Von daher ist es immer mein Problem gewesen, etwas zu machen, das im Leben selbst stattfindet."

          Bei der Eröffnung von "Appartement" machten es sich Besucher auf seinen Objekten bequem und nutzten somit Wests Angebot, "selbstverständlich" mit der Kunst umzugehen. Angenehm unfeierlich ist diese Ausstellung, die nicht nur zeigt, sondern zum Handeln auffordert.

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