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Ausstellung: Frankfurter Schule : Warum nicht die Radfahrer?

Der wunderbarste Mandarin: Rektor Max Horkheimer auf dem Frankfurter Universitätsfest im Jahr 1952 Bild: Katalog

Den Sozialforschern stellte sich die Frage nach dem Judentum, nachdem sie als Juden vertrieben worden waren: Eine Ausstellung in Frankfurt widmet sich Exil und Rückkehr der Frankfurter Schule.

          Die These dieser Ausstellung manifestiert sich im Ausstellungsort selbst. Denn dass ein Jüdisches Museum zeigt, wie die Rückkehr der Frankfurter Schule und ihrer Mitglieder aus dem amerikanischen Exil nach 1945 in ihre Heimatstadt verlief, scheint sagen zu wollen: Diese Gruppe von Philosophen und Sozialwissenschaftlern war vielleicht nicht, wie es ein spöttisches Wort Gershom Scholems wollte, eine jüdische Intellektuellensekte, aber sie gehört doch in die Geschichte des Judentums.

          Schaut man sich den engeren Kreis des Instituts für Sozialforschung an, das in der Weimarer Republik das Zentrum der erst später so genannten Schule bildete, dann stimmt diese These fraglos als eine über Herkunft. Von Max Horkheimer über Theodor W. Adorno, der noch in seinem in der Ausstellung gezeigten amerikanischen Pass Theodor Ludwig Wiesengrund hieß, bis zu Herbert Marcuse und Leo Löwenthal kamen die Frankfurter Lehrer allesamt aus jüdischen Familien.

          Allerdings hatten nur Löwenthal und Erich Fromm in ihrer Jugend das Judentum zeitweilig auch als ihre Konfession entdeckt. Max Horkheimer wiederum wurde erst spät wieder religiös. In Synagogen dürfte man jedenfalls die meisten der Philosophen nicht oft angetroffen haben. Darum wird auch diese Ausstellung, so wie andere ideengeschichtliche Versuche, aus jüdischer Herkunft auf Zugehörigkeit zum Judentum zu schließen, von der Rückfrage des Kunsthistorikers Ernst Gombrich wie von einem Schatten begleitet, ob das nicht ein paradoxer Tribut an Hitler ist, der als Erster nicht gelten ließ, dass jüdische Herkunft zurückgelassen werden kann, weder durch Konversion noch durch Desinteresse.

          Brückenschläge

          Die von Monika Boll und Erik Riedel konzipierte Ausstellung wendet sich dieser Rückfrage offensiv zu. Sie zeigt und dokumentiert im äußert lesenswerten und materialreichen Katalog, wie sich den Sozialforschern die Frage nach dem Judentum selbst stellte, nachdem sie als Juden ins Exil getrieben worden waren. „Warum die Juden“, fragte Leo Löwenthal damals ebenso sarkastisch wie ratlos in einem Brief, „warum nicht die Radfahrer?“ Im selben Ausstellungsraum, in dem dieses Zitat angeschrieben ist, stehen als Platzhalter der Diskussionen des exilierten Instituts die Ankündigung des Politikwissenschaftlers Franz Neumann, ein Buch über den NS „ohne das Judenproblem“ zu schreiben, um zu beweisen, dass das geht, sowie die ganz entgegengesetzte Position Adornos und Horkheimers, das besondere Los der Juden offenbare das allgemeine der Menschheit.

          Als die Frankfurter Schule später ausschließlich für eine raffinierte Form eines soziologischen Marxismus galt, dem das Proletariat und die daran geknüpften Aussichten abhandengekommen waren, kannte man Briefstellen wie diejenige Adornos nicht, der 1940 meinte, die Position des Proletariats komme inzwischen dem Judentum zu. Die Juden als eine Klasse an und für sich die Träger der Geschichte? Sollte nicht Wirtschaft, sondern das religiöse Gefühlsleben der historische Grundstoff sein? Adorno kombinierte beides, wenn er den sinnlosen Judenhass als Darwinismus interpretierte: Die Konkurrenz werde noch von denen angebetet, die in ihr unterlägen, weil sie sich immerhin für „fitter“ hielten als die Juden. Man dürfte ganze Seminare über so einen Brückenschlag abhalten können. Im Exil hatte das Institut jedenfalls insofern mit jener Umbesetzung Ernst gemacht, als an die Stelle von „Ausbeutung“ als Schlüsselbegriff für historisches Unheil die Kategorie des „Vorurteils“ trat.

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