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Ausstellung : Die Marx Brothers bekommen ihren eigenen Schrein

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Eine jüdische Schauspielerin: Marilyn Monroe Bild: dpa

Von den Nickelodeons bis zu „Seinfeld“: Die Ausstellung „Entertaining America“ im New Yorker Jewish Museum beleuchtet die Rolle jüdischer Künstler im amerikanischen Showbusiness.

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          Ob die Welt sich noch an Heintje und seinen Hit "Mama" erinnert? Zumindest ihr amerikanischer Teil hält "Mammy" die Treue, einem Song, dem der kultursoziologische Überbau nicht fehlt. Eingebettet ist er in den Film "The Jazz Singer", der als erster abendfüllender Tonfilm gilt. Damit ist "Mammy" schon einmal museumswürdig. Und mit dem Plot vom Kantorssohn, der nicht in die ehrwürdigen Fußstapfen seines Papas treten mag und dafür lieber mit geschwärztem Gesicht in dubiosen Clubs auftritt, hat sich "The Jazz Singer" eine mediale Version interdisziplinärer Unverwüstlichkeit erworben, zuerst auf der Theaterbühne, dann auf der Kinoleinwand, immer wieder in Neuauflagen im Fernsehen und nun eben auch im New Yorker Jewish Museum.

          Nach dem Rührstück und dem Meilenstein der Filmgeschichte darf er sich dort nun als Barometer jüdischer Befindlichkeit empfehlen. "Entertaining America: Jews, Movies, and Broadcasting" heißt die Ausstellung, die ihn in einen ihrer Brennpunkte stellt und dabei mit inszenatorischen Tricks nicht geizt. Wieder einmal läßt das Jewish Museum seine Kuratoren alle Register einer poppig aufbrausenden Installationsorgel ziehen, um der Schau nur ja die Show nicht vorzuenthalten.

          Wo das Thema nun Showbiz heißt, ist dagegen auch zunächst nichts einzuwenden. Zweifach und in Zeitlupe, was dem Konzept weniger als dem Effekt zuzuschreiben ist, wird also der Schwarzfilm projiziert, und dazwischen laufen auf einem Bildschirm die farbigen Remakes der späteren Fernsehjahrzehnte. Drum herum hängt und liegt das obligate Begleitmaterial, das historische Plakate ebenso umfaßt wie Programmhefte, Fotos und Bücher, sogar einen ausgewachsenen Roman, denn schon diesem Pionierfilm blieb die Novelization nicht erspart.

          Jüdisches Schlüsselnarrativ

          Obendrein gibt es eine Tafel, die uns erklärt, was wir sehen. Ausgedacht haben sie sich die Kuratoren J. Hoberman, Jeffrey Shandler und Fred Wasserman, die davon überzeugt sind, daß "The Jazz Singer" in seiner Story die Konflikte zwischen Religion und Säkularismus, Tradition und Moderne, Ghettoisierung und Assimilation, Minderheits- und Massenkultur aufmischt und deshalb in der amerikanischen Popkultur des vergangenen Jahrhunderts als jüdisches Schlüsselnarrativ zu verstehen ist. Darüber hätte manch ein Besucher sicher gern noch etwas mehr erfahren, und der Wunsch wird auch erfüllt, nicht aber von der Ausstellung, sondern ihrem schwergewichtigen Katalogbuch, das neben den Kuratoren elf weitere Historiker, Kultur- und Medienwissenschaftler zu Wort kommen läßt.

          Somit wird der Leser ausführlicher und auch besser bedient als der Museumsbesucher. Bisweilen erinnert die sehr selektive Ausstellung doch an jene behend zusammengeschusterten Fernsehsendungen, die den Anspruch erheben, einen geschichtlichen Überblick zu bieten, und am Ende bloß eine nostalgische Revue zustande bringen. Vieles wird angetippt, von den ersten Kinos, den Nickelodeons, die mit Kurzfilmen vor allem auch die jüdischen Einwanderer auf der Lower East Side anzogen, bis zur Fernsehserie "Seinfeld", die den jüdischen Humor in seiner allerneuesten, New Yorkerisch unterkühlten Variante vorstellte.

          Ein Schrein für die Monroe

          Wir werden ins Wohnzimmer der fiktiven Goldbergs eingeladen, die von den zwanziger bis fünfziger Jahren per Radio und schließlich auch per Fernsehen die gesamte Nation am prallen jüdischen Familienleben teilnehmen ließ. Zwischendurch machen wir halt vor zehn industriell konstruierten, gleichwohl glamourös glitzernden Schreinen für jüdische Superstars wie die Marx Brothers, die Comicfigur Betty Boop, die Streisand und die Monroe.

          Jawohl, auch Marilyn Monroe gehörte zu den Filmschauspielern jüdischen Glaubens, nachdem sie sich in Arthur Miller verliebt und die für die Ehe förderliche Konversion nicht gescheut hatte. Zu bewundern ist ihre Mesuse, die sie gar an einem Halskettchen trug, und ihre Menorah, aus der die israelische Nationalhymne zu tönen pflegte. Liz Taylor, die wegen Eddie Fisher den Glauben gewechselt hatte, kommt auch vor. Im Lichte solcher Einsichten und Entdeckungen verfliegt im Nu der Nachmittag hinter der Galerienpforte, die stimmig und stimmungsvoll von rotem und grünem Neonlicht umrahmt wird.

          Aber der Inszenierungsglamour reicht dann doch nicht, sobald gewichtigere Sujets zur Sprache kommen. Auch wenn die Organisatoren, in einer durchaus angreifbaren Entscheidung, nicht die Natur der amerikanischen Unterhaltungsindustrie und ihrer jüdischen Fundamente ergründen, sondern lieber den Diskurs darüber identitätskulturell beleuchten wollen, hätte ein bißchen mehr Tiefgang die blankpolierte Oberfläche nicht kompromittiert.

          Fotos von Filmmoguln

          Die Fotos der jüdischen Filmmoguln von Fox, Loew, Thalberg, Goldwyn, Mayer, Selznick und den Gebrüdern Warner bis Geffen, Spielberg und Katzenberg reichen auch in Koproduktion mit einigen Memorabilien kaum aus, das Geflecht aus Macht, Neid, Mißtrauen, Triumph und Niederlage zu entwirren.

          Wieder müssen wir im Katalog blättern, um über das Museumsgeglitzer hinaus zu begreifen, wie der Antisemitismus des neunzehnten Jahrhunderts in Hollywoods "Jewish Question" nachklang, wie Verschwörungstheorien und Mißtrauen gegenüber der staatsbürgerlichen Loyalität jüdischer Powerbroker Ausdruck fanden und sie in einer Industrie, die außerhalb Amerikas des Kulturimperialismus ebenso schnell verdächtigt wurde wie der moralischen und politischen Korruption innerhalb des Landes, ihre immer prekäre Balance immer wieder neu zu finden hatten. Bevor der jüdische Beitrag zur amerikanischen Filmkultur den ethnischen Stolz wirklich beflügeln konnte, waren die ideologische Hysterie des "Red Scare" nach dem Ersten Weltkrieg und nach dem Zweiten McCarthys Hexenjagd im Zeichen der unamerikanischen Umtriebe zu überstehen.

          Im Museum ist das alles gewiß sehr schwer aufzubereiten. Und auch über die Kontroversen, die Hollywood mit seinen Holocaust-Produktionen auslöste, ist mehr zu sagen, als es ein paar Ausschnitte aus der Fernsehserie "Holocaust" und Spielbergs "Schindlers Liste" vermögen. So wäre sicher am besten beraten, wer die optischen und akustischen Reize der Schau nicht verschmähte und sich, wie viele in den Jahren fortgeschrittene Besucher es offensichtlich tun, mit gebührender Nostalgie an diesen Entertainer oder jene Filmszene erinnerte. Der Rest läßt sich schwarz auf weiß und im üppig bebilderten Hochglanz bequem nach Hause tragen.

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